Heft 
(1899) 8
Seite
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Carl Bolle, Altmodische Blumen.

zu einem Labyrinth rechtwinklig abweichender kleiner Fusssteige. Ein­fassung: Buchs, Lavendel und Thymian, auch wold die seit lange spärlicher werdende Strand-Grasnelke. Im Hintergrund Fruchtgesträuch derStachel- und Johannisbeere; weiter vorn Centifolien oder andere Landrosen. Auf sothauen Rabatten nun wuchert und drängt sich ein möglichst bunt­farbiges Gemisch von Gartenblumen verschiedener Art. Immer noch gilt für diese, deren Mannigfaltigkeit zu gross ist, um sie hier einzeln aufzuführen, der Ausspruch eines der Yäter der Botanik:

welche die Jungfrawen zielen in ihren Kranzgärten und mii denen die jungen Töchter ihre Kurtzweil haben.

Männer teilen seltener die Freude an solchem Gartenwesen, falls es aller geschieht in um so lebhafterer, zumeist mit dem Alter zunehmender Weise. Sind sie aber jung und hübsch oder auch nur heiratsfähig, so wird es ihrer Mütze und ihrem Knopfloch selten an einer schönen Nelke oder sonst an einem Strauss, von lieber Hand gespendet, mangeln.

Gewächse zarterer Natur und daher der Kultur im freien Lande widerstrebend, Rosen- und Schuster- oder Nessel-Geranium, Heliotrop, Baumnelke, Aloe, die Meerzwiebel vom Kap und ein oder der andere Caktus (Cereus speciosus und alatns), auch wohl in Fällen stärkerer Liebhaberei etwa noch die honigtriefende Asklepias (Hoya carnosa), ver­harren im Topf hinter den wenig geöffneten Fensterscheiben oder werden nur für die wärmsten Monate an die Luft gesetzt. Sehr viel früher geschieht dies mit der Myrte, mit dem nicht oft vermissten Rosmarin und mit dem nicht gerade zahlreich kultivierten Oleander. Nur die drei strengen Herrn liebt man auch für diese abzuwarten.

Nur eine und zwar die prachtvollste altmodische Blume, ich möchte sie die Krone der Unmodernen nennen, fehlt den Bauemgärten absolut. Es ist jene stolze Caktusart, die den Namen der Königin der Nacht trägt. Dieselbe bleibt Privileg der Städte und nie habe ich sie schöner zwischen brennenden Lichtern ihre kurze Blütezeit angestaunt vollenden sehen, als bei kleinen Leuten, vor Schusterwerkstätten und Barbierläden, deren Inhaber Geduld und Sesshaftigkeit genug zu ihrer oft undankbaren Pflege besessen hatten.

Obiges wurde für Stadtleute geschrieben, die seltener aufs Land ge­langen und dann gewöhnlich Wald und Feldflur oft mehr Aufmerksamkeit widmen als den Gärten ihrer Wirtsleute; Landleute verstehen Yieles von solchen Dingen besser als ich.

So nun sieht es aus in Bauerngärten, abseits von grossen Städten oder von kleineren Industrieorten, da wo man noch unangekränkelt lebt vom Bodengeiz und von der Nachahmungssucht der Neuerungsfreunde. Wo dies nicht der Fall, ist man oft blumenärmer, was Gärten anbelangt, wie meist um Berlin, dafür desto stolzer auf seine Fuchsien, Yerbenen und Knollenbegonien, verwaist dagegen an dem Höhewuchs altfränkischer