Heft 
(1899) 8
Seite
193
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Carl Bolle, Altmodische Blumen.

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Malven, desto reicher aber an grellfarbigen Georginen und an der Winterdecke bedürftigen Remontant - Rosen. Man besetzt auch wohl kleine Frühlingsbeete mit sehr vergänglichen Stiefmütterchen und hat nette Einfassungen von Krokus und Tausendschönchen. Alles dies aller­dings mehr im Vorgärtchen, weil man den eigentlichen Garten hinten für Nutzpflanzen allein reservieren möchte, den überdies noch weiss­gekalkte Obstbäume wenig angenehm überschatten. Immer weiter dringt solche Hyperkultur, mit den Sommergästen, in die Provinz vor. Wird sie nicht vielleicht selbst im idyllischen Pfarrgarten bald die alte Weise stören und dessen altmodische Blumen zuletzt zur Legende werden lassen?

Noch verdient eins hervorgehoben zu werden: so gut wie alle Letztere mussten von leichtester Kultur und meist auch dem Klima vollkommen angemessen sein. Zum Säen wäre wenig, zum Decken und Heraus­nehmen gar keine Müsse übrig gewesen, daher auch das Uberwiegen der Stauden über die Annuellen.

Ja, Flora ist eine anspruchsvolle Göttin geworden, welche die Erde tributär zu ihren Füssen sieht. Sie gleicht jetzt mehr ihrer hoheits­vollen Statue aus den Bädern des Caracalla als jener ländlichen Nymphe, welche zu Numas Zeit, leicht geschürzt, durch die Sabinerberge schritt oder am Nemisee, dem Spiegel der Diana, Narcissen pflückte. Sie ist ganz unähnlich jener stark an sie mahnenden Sulamith des Hohen Liedes, die nichts dringender mit ihrem Geliebten zu sehen begehrte, als ob der Grauatbaiun schon grüne und ob der Weinstock Knospen gewonnen habe. Aber sie hat doch vielleicht noch Stunden stiller Einkehr, in denen sie sich zu den alten Gärten mit ihren altmodischen Blumen zurückwendet. Dann freut sich die Himmlische wieder der vielen Freude, welche diese spenden durften, der glückseligen Ruhe, die von ihnen aus­ging und ihr Grün Decennien, ja Jahrhunderte hindurch auf gleichem Grund ungestört wurzeln und blühen liess. Unsere jetzigen Gartenpflanzen, selbst unsere Bäume, haben es nicht mehr so gut. Vielleicht lächelte Flora einmal auch unserem Fontane zu, als sie ihn eizählen hörte, er habe im Garten eines havelländischen Edelhofes eine Phloxstaude, lebend und voller Blüten, angetroffen, von der überliefert worden war, sie sei vor länger als fünfzig Jahren von der Königin Luise gepflanzt worden. Recht altmodich, gewiss, aber doch unbeschreiblich hübsch!

Zum Schluss folgt hier ein Verzeichnis als altmodisch anzusehender Gewächse. Was an Systematik mahnt, ist immer langweilig und schwer zu lesen, wenn auch oft von der Notwendigkeit gefordert. Versucht sei daher, dasselbe durch Zwischenrede von dem oder jenem Wissenswerten geniessbarer zu machen.