Heft 
(1899) 8
Seite
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14. (7. ordentl.) Versammlung des VIII. Vereinsjahres.

weiden. Wie ungenau diese Gerüchte waren, ergiebt der Wortlaut eines Erlasses der h. Ritenkongregation vom 13. November 1890. Es heisst da u. a.:

Wir stehen im Begriff, in der nächsten Zeit den Beginn des hei­ligen Jahres zu feiern, welches unser hl. Vater und Herr Leo XIIT. glückverheissend angesagt hat.Mit Mitternacht des letzten De­

zembers des nächsten Jahres endet das gegenwärtige Jahrhundert und ein neues fängt an. ... . Damit deshalb das kommende Jahr 1900 seinen hoffnungsvollen Anfang nehme mit derErflehung der Hilfe Gottes und seines eingeborenen Sohnes unseres Heilandes, und damit dasselbe segensreich verlaufe und, wie wir wohl hoffen dürfen, ein weit glück­licheres Zeitalter bringe, erteilt unser hl. Vater Papst Leo XIIT. gnädig die Erlaubnis, dass am 31. Dezember sowohl des zur Neige gehenden als auch des kommenden Jahres um Mitternacht in den Kirchen und Kapellen, in welchen die hl. Eucharistie vorsebriftsmässig aufbewahrt wird, nach dem weisen Ermessen des Ordinarius eines jeden Ortes das allerheiligste Sakrament zur Anbetung ausgesetzt werde . . . u. s. w.

Es sind noch zur Unterstützung, dass das 19. Jahrhundert am 1. Januar 1800 begonnen habe, unsere zwei grössten Dichterheroen Goethe und Schiller gewissermassen als Kronzeugen ins Feld geführt worden, indem Schiller am Neujahrstage 1800 seinen Freund Goethe auch zum neuen Sekulum begrüsst und letzterer hierauf entsprechend geantwortet habe. Man hätte diese beiläufig hingeworfenen Bemerkungen lieber nicht ins Gefecht führen sollen. Denn in Weimar und Jena, überhaupt in den thüringischen Staaten ist der Jahrhundertswechsel amtlich erst am 1. Januar 1801 gefeiert worden und auch Schiller hat seinen Irrtum offenbar eingesehen, denn das berühmte Lied Schillers: Der Antritt des neuen Jahrhunderts ist erst im Mai 1801 erschienen (vgl. Viehoff, Schillers Gedichte, III. 377). Noch schlimmer ergeht es denen, welche den Anfang des herrlichen Schillerschen GedichtsDie Künstler citieren:

Wie schön, o Mensch, mit Deinem Palmenzweige,

Stehst Du an des Jahrhunderts Neige und bei der Jahrhnndertsneige an das Jahr 1799 denken. Der Dichter hat den AusdruckJahrhunderts-Neige mit seherischer Prophetie ge­braucht, denn dies edle Lied ist bereits im Jahre 1789 erschienen.

Endlich sei mir noch gestattet, darauf hinzuweisen, wie unser Volk, insbesondere die Geschäftswelt durch die unvermutete Bekanntmachung, dass der Eintritt des XX. Jahrhunderts am 1. Januar 1900 gefeiert werden solle, vollständig überrascht worden ist. Man eisieht das deutlich u. a. aus den diesmaligen Neujahrsglückwünschen. Dieselben bewegen sich in dem alten herkömmlichen Fahrwasser wie bei jedem Jahreswechsel. Unter den Hunderttausenden der erwähnten Glückwunsch-