14. (7. ordentl.) Versammlung des VIII. Vereinsjahres.
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karten lindet sich keine einzige, welche den Jahrhundertswechsel erwähnt. Diesen hätte sich aber die Industrie sicherlich nicht entgehen lassen, wenn sie nicht, wie icli schon sagte, durch die unvermutete Fixierung des Jahrhundertwechsels auf den 1. Januar 1900 völlig überrumpelt worden wäre. Die Zeichner, Kunstdrucker, Luxuspapierfabrikanten stellen nämlich die Jahresglückwunschkarten schon mindestens b Monat früher fertig, damit sie gehörig an die Abnehmer verteilt und versendet werden können. Als dies diesmal geschah, waren die betr. Fabrikanten pp. im guten Glauben, dass der Jahrhundertswechsel eben erst am 1. Januar 1901 eintreten werde. In aller Hast sind in den letzten Tagen des Jahres 1899 noch einige auf den Jahrhundertswechsel am 1. Januar 1900 bezügliche Karten nachgedruckt wurden, die aber gerade nur bestätigen, was ich bezüglich des grossen Publikums gesagt habe.
Alles in allem betrachtet können auch die Freunde des Beginns des 20. Jahrhunderts mit dem 1. dieses Monats nicht bestreiten, dass seit der letzten amtlichen und öffentlichen Jahrhundertswechselfeier erst 99 Jahre vergangen sind, mit andern Worten, dass man uns ein Jahr des 19. Jahrhunderts entzogen hat.
2. August Förster: Aus Grünbergs Vergangenheit.
Gesammelte Bilder zur Geschichte der Stadt nach vorhandenen Chroniken und sonstigen Überlieferungen. Grünberg i. Schles. Druck und Verlag von W. Levysolin 1900. S. 390.
Grünberg ist uns Berlinern, insbesondere den alten und ältesten unter uns bekannt. Der Berliner sagt natürlich stets dreisilbig Grüneberg*). Der Grüneberger Wein wurde im Mittelalter und noch später bei uns getrunken, er ist nachmals bei uns, ich meine mit Unrecht, in Verruf gekommen und wird unter den Dreimännerweinen aufgeführt. Die Grünberger Trauben erschienen hier noch lange Jahre neben den Gubenschen auf dem Berliner Markt, auch hier haben die sauren Jahre dem Absatz geschadet und in Verbindung mit den Einfuhrzollerleichterungen den Ersatz der lausitzer und schlesischen Trauben durch die süssen Tafeltrauben Südtirols, Ungarns und Italiens bei uns begünstigt. Aber nicht bloss über den Weinbau Grünbergs berichtet der Verfasser, unser Mitglied, sondern über eine Menge anderer Dinge, als über die Tuchmanufaktur, über die Zeiten des Alten Fritz und die Franzosen in Grünberg. Von dem Neutralitätsarmen i. J. 1711 und dem damit zusammenhängenden angeblichen Hünengrab im Künauer Walde wird uns erzählt, das sich als ein damals aufgeworfener Fanalhügel entpuppt hat. Die Hexenprozesse in Grünberg und Umgegend von 1663—1669 entwerfen ein schauerliches Bild menschlicher
*) Ähnlich wie man früher in Berlin (ab und zu auch wohl noch jetzt) Greifswalde für das allein richtige Greifswald sprechen hört.