18. (10. ausserordentliche) Versammlung des XII. Vereinsjahres. 67
vielmehr jeder der vier Seiten einen eigenen Aussencharakter verliehen. An der Hauptfront in gelblichem Sandstein mit plastischem Schmuck von Menzel, Hundrieser und E. Herter wird für den Beschauer die Erinnerung an einen Palast einer strengen Barockepoche wachgerufen. Ein turmartiger Mittelbau beherrscht hier — Eingangshalle und Aula darüber betonend — das Strassenbild. An der entgegengesetzten Seite, am Hippodrom, wo sich ganz niedrige Ateliers für Meisterbildhauer aneinanderreihen, sind dagegen romanische Bauformen zur Verwendung gelangt. Dazwischen gruppiert sich die vielgestaltige Anlage um einen mächtigen viereckigen Mittelhof von 70x75 m. Innerhalb des letzteren wird Sie ein ganz aus Glas konstruiertes Atelier für Freilichtmalerei besonders interessieren. Um den architektonisch eigenartigen Hof liegen zunächst ringsherum die verschiedenen Lehrer- und Schülerateliers, sowie Verbindungsgänge. Der Vorderbau enthält, ausser der Vorhalle mit Treppenhaus, noch in der Hauptaxe einen Saal mit Gipsabdrücken im Erdgeschoss, Aula und Atelier des Direktors im Oberstockwerk. Daran schliessen sich seitwärts unterhalb Bibliothek und Dienstwohnungen, oberhalb Ausstelluugssäle, Ateliers und Vortragssäle. Die Ateliers konnten so günstig angelegt werden, dass ca. 718 m Nordlicht-Ateliers vorhanden sind.
Die dicht benachbarte Hochschule für Musik veranschaulicht von vorn gesehen, etwa das fesselnde Bild einer monumentalen Kirchenfassade italienischer Hochrenaissance mit Säulen, Tempelgiebel und Kuppelkrönung dahinter. Seitwärts, an der Fasanenstrasse, weicht die schlichte Architektur der langen Fassade von der Opulenz der Hauptfront erheblich ab. Die langgestreckte Anlage umfasst einen grossen Konzertsaal, eine Versuchsbühne und enthält ferner eine Instrumentensammlung und eigene Bibliothek, neben zahlreichen Unterrichtsräumen und Dienstwohnungen. Beide Gebäude wurden am 2. November 1902 durch einen Festakt, an welchem auch das Kaiserpaar teilnahm, eingeweiht.
Die sich anschliessende Besichtigung unter bester Führung zeigte, welche Sachkenntnis, welche Sorgfalt der technischen Ausgestaltung sich in allen Teilen dieser umfassenden Bauanlage kundgiebt, und wie den jungen Künstlern für ihre Studien Einrichtungen an dieser Hochschule geboten werden, wie sie heute zweckdienlicher und vollkommener schwerlich gedacht werden können.
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