Heft 
(1904) 13
Seite
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14. (4. ordentliche) Versammlung des XIII. Vereinsjahres.

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Reich und Arm, bei Vornehm und Nichtvornehm, erfreut, dringend, daß diejenigen Anwesenden, welche anderer Meinung sind, sehr gefälligst dies nunmehr kund tun. (Es meldet sich niemand zum Worte.) Dann darf ich wohl annehmen, daß Sie mit meinem Vorschlag und dessen Begründung einverstanden sind? (Zeichen der Zustimmung; in die ausgelegten Protestlisten zeichnet sich niemand ein.)

X. Krähen-Zug, Krähen-Plage und Krähen-Esser. Von diesem Trifolium war in unserer letzten Sitzung die Rede und ergänze ich das Gesagte auf besondern Wunsch noch durch einige Angaben.

Auf der Kurischen Nehrung, von der hier neulich die Rede war, und auf der Insel Bornholm, die ich im Sommer 1903 besucht, werden die Krälien, deren Fleisch dem junger Hühner gleicht, gern gefangen und von den Bewohnern gegessen. Da auf der sandigen Nehrung nur an wenigen humosen Stellen etwas Kartoffeln und Zwiebeln wachsen, bilden eingepökelte Krähen im Winter eine Hauptnahrung der von der Welt abgesclmittenen Nehrungsbewohner. Auch die Federn der Krähen werden gern gekauft, da man sie zum Stopfen der Betten verwendet; sie sind viel billiger als Gänsefedern. Den Krähenfang, der hauptsächlich im Herbst, wenn die Fischerei schwieriger wird, erfolgt, schildert Passarge in folgender Art:Es wird auf der Heide ein langes Zugnetz ausgebreitet und an einer der beiden Langseiten mit Pflöcken auf dem Boden be­festigt. Die beiden schmalen Seiten werden durch Stangen ausgespannt. Es gehen von diesen schmalen Netzenden Taue aus, die in eine aus Fichtenzweigen gebildete Hütte laufen, in welcher sich der Krähenfänger befindet. Auf das ausgebreitete Netz werden als Köder Fische geschüttet, neben diesem Köder auch ein paar Krähen angebunden. Sobald die ziehenden Krähen sich auf die Fische niederlassen, zieht der Fänger in seiner Hütte die Stricke mit einem starken Ruck an; die an den Enden befindlichen Stangen bewirken, daß sich das Netz seiner ganzen Länge nach erhebt, überschlägt und die überraschten Krähen bedeckt. Auf diese Weise fangen die Nehrunger an einem Tage oft zwei Schock Krähen und mehr; sie müssen es sich dafür gefallen lassen, von den reichen Bewohnern der* litauischen Nehrung alsKrähenfresser vei- schrien zu werden. Aber nicht nur Passarge, auch Professor Bezzen- berger bestätigt, daß das Fleisch der Krähe wohlschmeckend ist. Nach Bezzenberger soll im 18. Jahrhundert auf der Nehrung wie zur Ordens­zeit auch Falkenfang betrieben worden sein. Von der Armut der Nehrungsbew'ohner gibt auch folgende Schilderung einen Begiiff.Die Bewohner Niddens haben außer einem Schuhmacher in ihrem Dorf keinen einzigen Handwerker. In Nidden darf kein Baum gefällt werden; kein Stein, kein Ziegel ist hier zu finden. Jeder Spahn, jedes Stückchen Torf wird zu Wasser aus weiter Ferne herbeigeholt. Die Bewohner haben in ihren Sandoasen nichts als das Wasser und die Fischerei.