22. (15. ausserordentl.) Versammlung des XIX. Vereinsjahres.
81
stellten Lessing-Reliquien aus seinem Familienbesitz, indem er des breiteren ausführte, was er am vorhergehenden Sonntag den 22. d. M. in der Vossischen Zeitung veröffentlicht hatte. Die zum ersten Male öffentlich ausgestellten Gegenstände haben sich von Lessings Stieftochter und Liebling AmalieKönig in gerader Linie bis auf die jetzige Besitzerin, Frau Sanitätsrat Dr. Brückner, geb. Henneberg, in Darmstadt, weiter vererbt. Die Ausstellung des Hauptstückes aus diesem Besitz, des trefflichen Desmareeschen Porträts der Gattin Lessings, mußte zwar auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden, doch läßt sich auch schon nach der aushängenden vorzüglichen Kohledruckreproduktion dieses einzig authentischen Bildnisses von Eva König eine ganz andere Vorstellung von ihrem Aussehen gewinnen, als nach den mehr oder minder ungetreuen früheren Stichen. Ein anderes, aber bis jetzt so gut wie unbekanntes Dokument für Wesen und Charakter Evas liegt in ihrem Taschenbuch aus den Jahren 1770—72 vor. Außer Tagebuchaufzeichnungen, die sich auf Evas Reisen von Hamburg nach Wien beziehen, enthält das Büchlein allerdings fast nur Notizen über recht alltägliche Dinge: Buchungen über die Geschäfte der Königschen Fabriken in Wien, Abrechnungen über persönliche und Haushalts-Ausgaben, Adressen, Gepäckverzeichnis, Koch-, Hausmittel- und Strickstrumpfrezepte u. s. w. — alles in buntem Gemisch. Aber darin beruht gerade der dokumentarische Wert des Taschenbuches, daß seine Aufzeichnungen nur für den Augenblick, den persönlichen Gebrauch, und nicht für fremde Augen gemacht sind; dadurch gibt es gerade Gelegenheit zu einem möglichst objektiven Urteil über das Wesen der Sclireiberin.
Wer richtig zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wer sich mit Aufmerksamkeit und einiger Kenntnis der Verhältnisse in den Inhalt des Büchleins vertieft, wird daraus eine gute, d. h. alles Wesentliche wiedergebende Skizze zu dem ausführlichen Charakterbilde Evas gewinnen, das uns ihr Briefwechsel von Lessing malt. Das Wie und Warum hier näher zu erörtern, würde zu weit führen. Erwähnt sei noch, daß das Notizbuch nur seinem überaus reichlichen Inhalt an Kochrezepten zunächst seine Erhaltung verdankte; denn wie aus Nachträgen von der Hand der Tochter Amalie hervorgeht, wurde es von dieser als Kochbuch weiter benutzt. Aus denselben Jahren wie die Taschenbuchaufzeichnungen, stammen auch die ausgestellten Briefe Evas an ihre fernen Kinder, während diejenigen Lessings an seine Stieftochter Amalie zehn Jahre später, 1780—81, geschrieben sind. Der letzte von diesen ist bekanntlich am 1. Februar 1781 verfaßt, also kurz vor seinem Tode geschrieben. Auf das Ende des streitbaren Geisteshelden beziehen sich an Amalie gerichtete Schreiben von Gleim, J. G. Jakobi und Campe, worin diese, jeder anf charakteristische Weise, dem Schmerz um den Verlast des großen Freundes Ausdruck verleihen. Diese Briefe wurden im Feuilleton der „Voss. Zeitung“ vom 14. Februar 1909 (von Prof. Henneberg) zum ersten Male abgedruckt.
6