Veneta.
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Veneta. IV.
von
Carl Bolle.
Die Straupitzer Eichen.
Ihr Rieseneichen von Straupitz, Hab’ einmal euch nur geseh’n Mit euren rauschenden Wipfeln Auf lachender Feldflur steh’n,
Doch immer und immer wieder Erscheinet mir euer Bild,
Als ob es mir angethan habe Die Dryas, in euch eingehüllt;
Als ob vor entthronten Göttern Anbetend die Seele bebt,
Um welche, nur Wen’gen vernehmbar, Ein uralt Mysterium schwebt.
Ihr Zeugen entschwund’ner Geschlechter,
Denkmüler ewiger Kraft,
Seit tausend Jahren fühlt steigen Empor ihr den Frühlingssaft;
Doch ragt nur eine zerborsten Als Stumpf, ganz hohl, ohne Zopf, Voll Löchern, d’rin Raken*) horsten Und einschlüpft der Wiedehopf.
Die andren breiten die Kronen — Schwer sind ihre Stämme umspannt — Vom Fluge der Zeit unerschüttert, Von keinem Orkan übermannt.
Der grösseste dieser Kolosse,
Man nennet ihn Wudlik’s Thor;
Nach ihm, unter gleich grossen Eichen, Tritt die Florentinen s hervor.
So ebenmässig, so prachtvoll Den breiten Schatten sie beut,
Als sei einem Keim sie entsprossen Vom Hain der Semnonen gestreut.
Die Lutcheneiche steht abseits,
Die grüsst’ ich besonders tief,
Weil sie das Völklein der Zwerge Mir frisch in Erinnerung rief.
Am Wege nach Byleguhre Da hebt sie des Gipfels Last,
Wie einmals, stolz noch gen Himmel, Doch fehlt ihr unten ein Ast.
Dort hat die Gemeind’ der Kleinen, Die vor uns wohnten im Land,
Der Schwachen und der Vertrieb’nen, Man hat sie Ludki genannt,
Am Riesenbaume, dem alten, Schönastig und grün umzweigt,
Die zarten Händchen gefaltet,
Die kleinen Kniee gebeugt;
Den Gottesdienst fromm gehalten,
Gefleht zu Allvaters Macht,
Der zwischen Grashalm und Eiche Wohl wenig Unterschied macht.
*) Blauraken oder Mandelkrähen, unsere Mark leider mehr und mehr meidende Schmuckvögel (Coracias garrula; L.).