Heft 
(1900) 9
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6. (3. ausserordentliche) Versammlung des IX. Vereinsjahres.

III.

Du hast in sechs Jahrzehnten, die verronnen,

Seitdem ein Humboldt von dir musste weichen,

Dich sehr verschönert und an Glanz gewonnen;

Jetzt prangst ein Baum du stolz und sonder gleichen.

Wie gelbgrün sich die Mistelstaude sonnen Mag auf geheimnisvollen Druideneichen,

IlHlt dich ein Epheu riesengross umsponnen Und strebt, der Krone Gipfel zu erreichen.

So ragst du nun, voll immergrüner Würde,

Ein Denkmal dem, der, wenn er wiederkehrtc,

Veränderte, dich schwer erkennen würde;

Ein Zeugnis auch von hehrem Urgewalten,

Die jener Andre uns erkennen lehrte,

Vor dessen Geist sic sich im Kosmos malten.

IV.

(1900.)

Seit dies gedichtet, ist manch Jahr verilossen,

Das eng Verbundene will sich gramvoll trennen,

Was sich in eins verwachsen Hess erkennen,

Löst rauh die Zeit, jagend auf schnellen Rossen.

Sie reisst den Freund vom zärtlichsten Genossen.

Den Epheu, hundertjährig fast zu nennen,

Lasst sterbend sie zu dürrem Holz verbrennen,

So üppig auch er einst emporgeschossen.

Fest stehst du, Baum. Bleib lebensfrisch erhalten Und schau herab auf kommende Geschlechter,

Dem Ruhm der Humboldt als ein treuer Wächter;

Von unsrem Volk auf immer hoch gehalten,

Nicht, diesem Epheu gleich, bereit zu sterben,

Nein, eichenstark, sich dauernd zu vererben.

Darauf hielt Herr Dr. Bolle noch folgenden frei gesprochenen Yortrag über die Bedeutung des Ortes:

Tegel ein Ortsname von gutem Klange. Es giebt wenige Stätten der Berliner Bannmeile, an welche sich reizvollere, ja geradezu mehr klassisch zu nennende Erinnerungen knüpfen und deren Besuch daher erwünschter erscheinen dürfte; allerdings mit gewissen von der Zeit gebotenen Ein­schränkungen. Die Umwandlung ländlicher Einfachheit in vorstädtische Prosa hat sich für dies Dorf so erschreckend vollständig ins Werk gesetzt, dass es sich, weit mehr noch als andere, in civilisatorischem Auf-