Heft 
(1900) 9
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5. (3. ausserordentliche) Versammlung des IX. Vereinsjahres.

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schwung begriffen, anschickt eine Art von ville noire, durch Bierpaläste notdürftig erfrischt, zu werden.

Verlegung der grossartigen Borsigsclien Fabriken, der Eisenhammer Germania, die Rosenbergsche Dampfmühle, dazu die Nachbarschaft eines vielbevölkerten Strafgefängnisses und der Daldorfer Irrenanstalt, sowie der Segen über den Ort sich ergiessender Elektrizität und aller jener gegen das Blau des Himmels trübselig abstechender Drähte, deren Frequenz vor kurzem noch Pierre Loti unser Berlin verleidete, sind das nicht alles Gegensätze zu idyllischer Ländlichkeit? Auch jener Freund des Menschen, der Hund, wagt sich nicht mehr maulkorblos heraus und längst schon sind die Dorfstrassen leer von dem vertraulichen Völklein des Hausgeflügels. Unvermeidlich! Muss nun solcher Fortschritt nicht den positiv-modernen Menschen mit stolzer Freude erfüllen, während er aller­dings den sträflich zurückgebliebenen Naturfreund in konträrem Sinne anmutet?

Aber auch für ihn und mit ihm für die Mehrzahl der frischer Luft bedürftigen Städter ist noch gesorgt. Zwei Schritt nur vom Dorfe abseits in den Gutsbezirk hinüber und man sieht sich vom Lanbdunkel hoher Bäume duftig umfangen. Schon das Schlossrestaurant gleicht einer Operndekoration. Sobald man jedoch von staubiger, jetzt vielfach aufgerissener Ileerstrasse seitwärts in den Mühlenweg abbiegt, ändert sich wie durch einen Zauber­schlag die Scenerie. Abgewichen von der geraden Linie, erschliesst sich die Seele dem vollen Reiz entzückender Ländlichkeit, durch den Kontrast des vorher Gesehenen noch verstärkt. Ein weisses Schloss schimmert durch Baumschatten; wir wissen welche genialen Geister hier gewaltet und diese Stätte für immer geweiht haben. Durch diesen Baumgang sind Goethe und Piickler, die schöne Henriette Herz und Rahel Levin geschritten. Diese gigantischen Platanen haben jene erlesene Gesellschaft unter sich wandeln gesehen, die als die Grosseltern der jetzt alternden Generation junge Kinder waren, dem Berliner Leben, zwischen Iluberts- burg und Jena, eine so poesievolle Verklärung lieh. Unweit von hier sehen wir Chamisso nach Wasserpflanzen fischen und Jahrzehnte vorher den noch knabenhaften Alexander von Humboldt, gefülu-t und belehrt durch den damals noch jungenalten Heim, die grüne Trommel des Botanikers tragen und später jene höchste nordische Seltenheit, die Linnaea borealis, zuerst in der Mark entdecken. Ja, der Wissende erspäht hier viele denkwürdige Spuren, über die jetzt das Rad des Bicyklisten ahnungslos hinrollt.

In Kurzem von den vegetativen Reizen der Landschaft und der ihr gewordenen Pflege durch Menschenhand, und zwar erschöpfend, zu reden, würde heut schwer fallen. Nur wenige Punkte seien hervor­gehoben. Das Jagdschlösschen der Landeshei'ren, in tiefer Waldeinsamkeit gelegen, bedurfte einst keiner Gartenanlage. Was freiwillig da herum