Heft 
(1900) 9
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Niedergörsdorf bei Jüterbog, eine Dorfchronik.

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bewahrt. Die sogenannten Hüllen, ein Tuch, welches um den Kopf ge­schlungen wird, sind ein schlechter Ersatz. Die neue Mode mit Hut und auch, wohl Schleier, mit Armbändern und Uhren fängt an, sich einzu­bürgern.

Die Beschäftigung der Leute besteht in der Bebauung des wasser­armen, nur massig fruchtbaren Ackers, in früherer Zeit ist Pferdezucht fleissig betrieben worden; die Koppel lag nach Wölmsdorf. Kleine Leute, d. i. freie Arbeiter, konnten nicht aufkommen, weil die Bauern kein Stück Land hergaben. Es befanden sich nur die nötigsten Handwerker, Schmied und Stellmacher, im Dorfe; das Schneiderhandwerk besorgte der Schulmeister, das Vieh wurde auf die Weide getrieben. Der Kuhhirte sammelte seine Herde mit dem langen Horn und hatte das liecht, Neujahr anzublasen. Der Schafhirte bediente sich einer Pfeife, der Schweinehirt hatte ein kurzes, gewundenes Horn.

Um das nötige Wasser zu gewinnen, wurden von den alten Kolonisten in Wölmsdorf 2 Wasserbehälter zum Auffängen des Regenwassers ge­graben, Niedergörsdorf lag den sumpligen Wiesen der Nuthe näher und darum befindet sich hier nur ein kleiner Wasserbehälter am westlichen Ende des Dorfes. Die alten Holländer aber verstanden es auch, das Wasser aus der Erde zu holen. Sie hoben die tiefen Brunnen aus, welche sie mit Feldsteinen einfassten. So entstanden die Plitten mit ihren langen Schwebebäumen. Jetzt sind Abessinier in Aufnahme gekommen, und fast jedes Gehöft hat seinen eigenen Brunnen.

Vor der Separation war der sämtliche Acker in Schläge zerlegt, so dass auf jedem derselben die gleiche Frucht ausgesäet wurde, meist auch an demselben Tage. Wie eifrig die Leute in der Saatzeit gewesen sind, geht aus der Angabe der Arbeitsstunden hervor: 26 Uhr morgens, S12 Uhr vormittags, 26 Uhr nachmittags. Auch die Ernte begann bei allen Hüfnern an demselben Tage und,wurde mit einem Frühgottes­dienste eingeleitet. Die Namen der Felder waren in Niedergörsdorf: Mühlenstück, Klot, Gottesstrasse, der wüste Hof, die langen Morgen, die Seerute, Dreimorgen, Heringsmorgen, Geer, Schmalmasse, Stück an der SchleidOrne, Heideberg, Grundgartenstück, Mittelmorgen, Gauschestiick, Kappaue, die Breite, der Keil, Springstück, Buvite u. s. w r . Neben den Getreidearten Roggen, Gerste, Hafer, auch w T olil Buchweizen, wurde auch reichlich Flachs gewonnen. Die Zubereitung desselben im Reepen, d. i. die Samenköpfe abreissen; im Röten, d. i. die Stengel ins Wasser legen, bis sie mürbe werden; im P>aken~ 5- i. die nun in der Sonne getrockneten Stengel mit einer Keule so lange schlagen, bis der Flachsbast übrig bleibt; im Schwengeln, wodurch der letzte Rest der holzigen Flachsstengel beseitigt wird, "machte viele Arbeit. Das Schwengeln geschah früher an einem Block, später mit eigenen Maschinen. Die Mädchen, welche mit diesen Arbeiten bis tief in die Nacht beschäftigt waren, empfingen als