Pastor Ziraniemiann :
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besondere Belohnung 1 Thaler. Während dieser Zeit waren die Gärten nicht immer sicher, weil die Knechte ihren Schönen gern süsse Erquickungen in Obst zuführten. —
Im Winter waren dann die Spinnten (Spinnstubeu) im Gange, und die Mädchen sammelten sicli mit ihren Rädern in 2—«1 Gemeinschaften von 15 Personen in den Häfnereien, um die feinen Fäden zu ziehen. Vorgelesen wurde wohl selten, aber Dorfneuigkeit, Gesang und Scherz gingen fleissig um. Dabei durfte aber die Arbeit nicht ruhen, denn die sorgsame Hausfrau pflegte die Arbeit zu kontrollieren. Früher mag es in solchen Spinnten harmlos hergegangen sein; wenn aber der Hüfner etwa nicht gute Ordnung hielt oder wohl gar in die Schenke ging, dann war es nicht gut getlum, wenn Mädchen und Knechte ohne Aufsicht bei einander waren. Die Geistlichen waren den Spinnten meist feind, nannten sie wohl auch Brutstätten des Lasters. Deshalb wurde später den Knechten der Zutritt zu den Spinnten untersagt. Sie standen nun mit grosser Ausdauer in ihren weissen Pelzen — dieselben waren nicht überzogen — auf den Hausfluren und an den Fenstern und erwarteten mit Sehnsucht die Freistunde. Trat diese ein, so wurde es auf der Strasse lebendig, Jauchzen und Gekreisch wurde vernommen. Die Spinnten besuchten sich gegenseitig, es gab auch Antritts- und Abschiedsmahle mit Semmel und Kaffee. Diese Spinnten waren so beliebt, dass selbst Schulmädchen solche einzurichten versuchten. Jetzt ist mit dem Verschwinden des Flachsbaues diese schöne Zeit dahin.
Das Leben der Leute ist bei saurer Arbeit einfach und höchst bescheiden. Einen besonderen Wagen für Gast- und Stadtreisen besass man nicht, es musste der Ackerwagen dazu ausreichen, welcher meist einen recht langen Langbaum besass. Auf diesen Leiterwagen wurde ein Korbgestell aufgesetzt und zwar so, dass zu Getreidefuhren der Korb nach vorn, bei Gastfuhren nach hinten geschlossen war. Während der Hüfner vorn die Pferde lenkte, sass weit hinter ihm die Hüfnerfrau, welche bei kaltem Wetter einen Friesrock über die Schultern gezogen hatte; denn Mäntel gab es nicht. Der Wagen, welcher von 2 recht dicken Pferden langsam fortbewegt wurde, war mit einem weissen leinenen Plan überzogen und so gegen Wind und Wetter geschützt. Heute sieht man Federwagen mit blanken Laternen, Kummetgeschirre mit Messing- und Nickelbeschlag, häufig auch mit dem Namenszug des betreffenden Wirtes. Der Kutscher sitzt links und man kann mit seiner Peitsche leicht in Berührung kommen. In der Ernte sieht man selten ein Fuhrwerk im Trab; der Knecht geht neben dem Wagen her, oft in Holzpantoffeln oder in selbstgefertigten leinenen Schuhen mit einer Sohle von Speckschwarte. Die Mädchen dagegen tragen in der Ernte weisse Schürzen mit bunten Bändern und gehen in Hemdsärmeln. Die Leute werden in der Ernte sehr gut verpflegt. Kuchen giebt es zur Genüge, meist wird ein Ernteschweiu geschlachtet,