ß. (3. ordentliche) Versammlung des IX. Vereinsjahres.
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Bald wurde eine "Verlegung der Bibliotheken in Gemeindeschulhäuser notwendig. Am 1. August 1850 wurden die vier Volksbibliotheken mit einem Bestände vom 7400 Bänden — ihre Anschaffung hatte 11877 Mk. beansprucht — eröffnet. Armselig genug sah’s trotzdem aus, wenn wir das erste Bücherverzeichnis durchmustern, das in 18 Abteilungen zerfällt. Ein sechzig Jahre altes chemisches Wörterbuch, Eberts 1776 — 78 erschienene Natnrlehre für die Jugend werden den Lesern von 1850 eine ebenso wenig vollkommene und förderliche Lektüre gewesen sein, wie ein im Jahre 1741 in Kopenhagen erschienener „Gründlicher Unterricht, über eine sogenannte kleine Handlung richtig Buch zu führen“. Indes war gerade auf naturwissenschaftlichem Gebiete die neuere Litteratur recht gut gewählt: Humboldt, Cuvier, Arago, Maedler, Dove, Berzelius, Liebig, Bischof etc. waren durch bekannte Werke vertreten. Auch an neuen Heisewerken war kein Mangel. Doch hätte gerade diese Abteilung durch Ausscheidung längst überholter Werke viel gewonnen, wie z. B. von Andersons „Nachrichten von Island, Grönland und der Strasse Davis“, die 1747 erschienen sind. Sehr wenig befriedigte die Abteilung „Deutsche Nationalliteratur“. Fast ganz ausgeschlossen war, nach amerikanischem Vorbilde, die Romanliteratur. Vergeblich sucht man nach Börne, Dingelstedt, Annette von Droste, Eichendorff, Freiligratb, Grillparzer, Gutzkow, Halm, Hebbel, Iloffmann von Fallersleben. Nicht einmal Heines Buch der Lieder hatte Gnade gefunden. Die Werke des ungezogenen Lieblings der Grazien finden sich zum ersten Mal in einem Bücherverzeichnis einer Berliner Volksbibliothek vom Jahre 1870. Da war Stanislaus Graf von Grabowski glücklicher gewesen; er wurde schon 1861 gelesen. Gingen auch anfangs verhältnismässig viel Büchergeschenke ein — darunter freilich nicht wenig gänzlich veraltete Ladenhüter, so waren die Geldgeschenke sehr gering. Im Jahre 1850, wo Berlin bereits mehr als 400000 Einwohner zählte, belief sich deren Gesamtsumme auf 123,50 Mk. In einem erfreulichen Gegensatz hierzu stand die Leselust. Während im zweiten Betriebsjahre (1851) die Zahl der Leser 1281 und die der verliehenen Bände 38430 betrug, zählten im Jahre 1870 die vorhandenen 11 Bibliotheken bereits 10 325 Leser und verliehen bei einem Bücherbestände von 43 500 Bänden nahezu 200 000 Bände im Jahr. Die höchste Staffel war im Jahre 1881 mit 17593 Lesern erklommen wwden; von da ab fiel die Zahl, bis sie 1890/91 mit 1.2721 Lesern auf ihrer niedrigsten Sprosse anlangte.
Man forschte nach den Ursachen des Rückgangs. Inzwischen war die Stadt — der wissenschaftliche Verein war 1884 eingegangen — alleinige Verwalterin der Bibliotheken geworden. Vor allem bedurfte es einer Verjüngung des Bücherbestandes. Namentlich dank der Anregungen, die Dr. Arend Buchholtz gab, wurden in den letzten Jahren beinahe (iOOOO Mk. hierfür verwandt. Auch der Abteilung der schönen Litteratur