Heft 
(1900) 9
Seite
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Zur Kunde des heimischen Jagdwesens.

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66) Über dasBärenabenteuer, das der Fürstin Hohenlohe, der Gemahlin des Reichskanzlers, zugcstosscn sein sollte, waren in der gesamten europäischen lrcsse gar seltsame Gerüchte verbreitet, die Herr v. Vietinghoff- Scheel, der Veranstalter der angeblich so gefahrvollen Bärenjagd, in einem russischen Blatte folgendermassen berichtet: Auf der zu Ehren der Fürstin Hohenlohe veranstalteten Jagd ging ein Bär durch die grosse Treiberkette durch und legte sich zwei Werst von seinem ersten Lager wieder zum Winter­schlaf, aus dem ich ihn später durch ein zweites Treiben störte. Aus dem Lager aufgescheucht, ging der Bär in gerader Linie auf einen etwa vierzig Schritte von mir postierten bewaffneten Treiber los, welcher so erschrak, dass er in der Richtung zu mir zu fliehen begann. Kaum aber hatte er einige Schritte zurüekgolegt, als der Bär, seine Richtung verlassend, ihn verfolgte, unheimlich rasch erreichte und auch sofort annahm, indem er liochaufgerichtet ihn in seine Arme schloss. Doch ehe der Bär seine Mordwaffen in Funktion setzen konnte, erreichte ihn meine Kugel, so dass der Bär, den Treiber los­lassend, zwei furchtbare Sätze machte, um sich für immer niederzulegen. Der Treiber, der zu seiner Verteidigung seinen Arm vorgestreckt hatte, ist mit einem Biss davongekommen, er geht seiner Genesung bereits entgegen. Das ist das ganze Abenteuer. B. T. Bl- 17. 4. 1896.

67) Junge Bären sind gutmütige Tiere. Im Jahre 1863 brachten die mir befreundeten Söhne des Gouverneurs von Warschau einen jungen pol­nischen Bären nach Berlin mit, welcher in meiner Wohnung Dorotheenstr. 62 untergebracht wurde. Er war zahm wie ein Hund, und folgte auch wie ein solcher seinem Herrn auf der Strasse. Da aber die Hunde, welche offenbar missgünstig waren, weil der Bär nicht, wie sie einen Maulkorb zu tragen brauchte, dem Tier zusetzten und Strassenaufläufe entstanden, so musste das Tier abgeschafft werden und kam in den Dresdener Zoologischen Garten. Alte Bären sind in der Gefangenschaft von den Tierkundigen mit Recht gefürchtete Tiere, sie sind übclnehmisch und gewaltthätig. Der Wärter würde lieber zu einem Löwen in den Käfig gehen. Personen, welche zufällig oder absichtlich in einen Käfig mit alten Bären, längere Zeit in demselben gehaltenen Bären gehen, riskieren ihr Leben. Das Berliner und Berner Wappentier hat im Jahre 1890 dafür, wie die Nrn. 68 und 69 zeigen, einen traurigen Beweis gebracht. E. Friedei.

68) Das Unglück im Berner Bärengraben. Aus Bern, 11. April schreibt unser Korrespondent: Der in den Bärengraben gefallene und von den Bären zerfleischte Mann heisst Christian Wüthrich. Sein Brod verdiente er als Kubi er (Kübelmacher), Knecht und Zimmerniann. Er wird als vor­züglicher Arbeiter gerühmt Seine Stelle als Knecht in der Nähe von Bern musste er am 4 Februar verlassen, weil er dem Trünke ergeben war. In Bern mag er sich nach Beschäftigung umgesehen haben. Am Abend vor seinem Tode hat er in einer Wirtschaft der Stadt Bern Karten gespielt. Schon Abend 7 Uhr war er betrunken. In diesem Zustande hat er sich ohne Zweifel

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