Heft 
(1900) 9
Seite
286
Einzelbild herunterladen

28 »;

Zur Kunde des heimischen Jagdwesen».

Lauf erlegt,wozu viel Jagdzeug, viele Jäger und eine zahlreiche Jugens- mannschaft erforderlich war. Zu einer Parforcejagd in grossem Stil gehört ein bedeutender Apparat, eine geschulte Jägerei, Jagdpferde und eine ein­gearbeitete Meute, ganz so wie es heut zu Tage noch am Herliner Hofe in beschränkterem Masse der Fall ist Seit der Einführung der Parforcejagd ungefähr um 1700 ist im Grunewald mancher Hirsch und manche Sau halali gejagt. Die eigenartigste Parforcejagd aber, die je imGrünen Wald ab­gehalten, fand 1711 unter Friedrich Wilhelm I. statt, denn das gejagte Wild war nicht auf märkischem Hoden gross geworden. Ein veritabler Steinbock war es, auf dessen Fährte im November des Jahres 1711 die Meute angelegt wurde. König Friedrich I. hielt nämlich in der Menagerie zu (harlottenburg und im Hetzgarten zu Kölln an der Spree die seltensten 'Piere zu allerlei Kurzweil und Ergötzlichkeit: Löwen, Tiger, Eisbären, braune Hären,

indianische Haben und afrikanische Stachelschweine, Elche und Auerochsen aus den lithauischen Wildnissen, sowie im Jagdschloss Gruncwald einen kleinen Stamm piemontesischer Steinböcke; gleich nach (bernahme der Regierung reduzierte der sparsame Nachfolger, König Friedrieh Wilhelm I., diese kostspielige Einrichtung. Das fremde Getier ging an befreundete Höfe nur die afrikanischen Stachelschweine und die Steinböcke wurden auf Be­treiben des Oberjägermeisters Samuel von Hortefeld im Gruncwaldfroy gelassen, um zu sehen,ob sic sich vermehren würden, so lautete wenigstens die Kabinetsordrc dat. Kölln an der Spree, den 10 Januar 1711, an den Kastellan Mark auf dem Grunewald. Auf Vorstellung des Oberjägermeisters, dassder alte Steinbock, ein schwarzer Satan, die Weibsen beim Holzlesen arg molestiert, beschloss Se. Majestät, diesen böswilligen Hurschcn parforco zu jagen, welches anzusehen sieh viele neugierige berliner mit Weib und Kind durch den tiefen Sand nach dem kleinen Jagdschlösschen abquälten. Die Jägerei, an der Spitze der Oberjägermeister von Hertofeld, der Ilofjäger- meister Georg von Schlichen, Jagdjunker Benno Friedrich Brandt von Lindau empfing Se. Majestät vor dem Thore. Nach einem schnell eingenommenen kräftigen Frühstück zog der König auf seinem ostpreussischen Blauschinuucl Hengst, gefolgt von den Jagdpagen Gloeden und Osten und den Kavalieren, der Stellstätte zu, wo die Meute englischer Parforce-Hunde, brav eingcarbeitetc Lautläufer, des Moments harrte, auf der vom Oberjäger Bock und den Besuchs-Knechten Wachs und Westrich ausgemachten Fährte angelegt zu werden. Zwölf Piqueure in roten Röcken mit grünen Sammetkragon, grünen Westen und Hosen, goldene Balletten auf den Schultern, vermochten kaum die wilde Gesellschaft zurückzuhalten.Jagd frei! brauste das Feld hinter der lautjagenden Meute her, aber der schwarze Satan nahm nach kaum einer Viertelstunde in richtiger Erkenntnis einen 200 Morgen grossen undurch­dringlichen Windbruch an, aus welchem er nicht zu vertreiben war. Miss­gestimmt kehrte Se. Majestät nach dem Jagdschloss zurück,divertirte sich jedoch an einem Fuchsprellen im Schlosshof. Der grösste Parforeejüger damaliger Zeit, der alte Dessauer, der bei einer ordentlichen Jagd gewohnt war, mindestens dreiKlepper* zu Schanden zu jagen, mehr wie 40 Thaler durfte aber einSchinder nicht kosten, wird über die Idee, einen Steinbock partorce zu jagen, gewaltig den Kopf geschüttelt haben. Nur die Herren