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E. und P. Zimmermann:
haltung das Gebet gepflegt wurde. Bei Tisch wurde vom Hausherrn der Segen gesprochen, dann folgte das Vaterunser von der Hausfrau und dann noch ein Gebet von einem Kinde. War der Hausherr nicht zugegen, so verrichtete der Grossknecht das Gebet. — Jetzt fängt die alte Frömmigkeit an zu wanken. — Zu den Akten liegt eine Übersicht von jedem Sonntag über den Kirchenbesuch des letzten Jahres im vorigen Jahrhundert. —
Sittlich-religiöses Leben.
Die Kindererziehung ist in guter Ordnung und ist über Verzärtlichung im ganzen nicht zu klagen. Weil in den Häusern auf Gehorsam gehalten wird, hat die Schule über aufsässiges Wesen keine Klage zu führen. Die Kinder werden zu einem freien, offenen Wesen angeleitet, und es ist gelungen, sie so zutraulich zu machen, dass sie auf der Strasse nicht scheu ausw'eiehen, sondern laut und frisch antworten. Diese Zuti’aulichkeit findet sich auch bei den schon Eingesegneten, so dass von Ungezogenheiten auf der Strasse in letzter Zeit nicht die Hede gewesen ist; höchstens vergisst sich mal ein zugezogener Knecht. Es ist wohl vorgekommen, dass so ein kleiner Knirps mit geballter Faust gerufen hat: „Na waahre man, Magister“; aber auf der anderen Seite kommen die Kinder auch ganz zutraulich mit der Bitte, sich im Pfarrgarten Strauchobst pflücken zu dürfen. Gern sind die Eltern bereit, ihren Kindern eine Freude zu machen, und wenn ein Karnssei oder ein Puppenspiel ins Dorf kommt, wird ihnen gern ein Groschen gereicht; es hat nie grosse Not gemacht, die Unkosten für die Turnreisen aufzutreiben. Auch für Beschaffung des Lehrmaterials für die Schule ist stets aufs beste gesorgt worden. Die Erziehung zum Patriotismus wird in der Nähe der historischen Stätte des Denkmals der Schlacht von Dennewitz nicht so schwer. Obwohl die Fläminger selten zum Militärdienst grosse Vorliebe haben und nur selten ein Berufssoldat aus ihnen hervorgeht, so werden doch häufig zwischen den hiesigen Kindern und denen von Dennewitz nach den Regeln der Kunst Schlachten ausgeführt, bei denen es oft hart hergeht und auf deren Abstellung hingearbeitet werden muss.
Die hiesigen Einwohner sind königstreu und, nachdem nunmehr seit 100 Jahren diese Orte dem preussischen Staate einverleibt worden sind, ist die Erinnerung an vergangene Zeiten so ziemlich erloschen. Vor 20 Jahren konnte man es noch erleben, dass unsere Leute, wenn sie mit den Altpreussen in Jüterbog zusammenkamen, sich gegen diese, zumal wenn sie sich gross machen wollten, wegen der Plünderung von 1813 sehr bitter aussprachen. — Ihren Patriotismus beweisen die hiesigen Einwohner dahin, dass sie gern an den patriotischen Feiern am Denkmal teilnehmen und dass sie in den politischen Wahlen ihre Stimmen stets im königstreuen Sinne abgegeben haben, auch mit Ernst bemüht sind,