370
13. (5. ordentliche) Versammlung des IX. Vereinsjahres.
die Bestimmung und Verwendung solcher Teppiche im Rahmen einer grossen Architektur hin.
Die Bezeichnung „Gobelins“ trifft bekanntlich eigentlich nur auf diejenigen haute-lisse oder basse-lisse Tapisserien zu, welche nach 1062 aus den „Gobelins“, d. h. aus jener in Paris an der Biövre gelegenen, alten Scharlach- und Schönfärberei der Gebrüder Gobelin hervorgingen, welche nach Verstaatlichung der Pariser Bildteppichmanufakturen durch Colbert mit diesen vereinigt wurde.
Ueberall auf der ganzen Welt, wo Freunde und Kenner der alten Bildwirkerkunst zu finden sind, wurde es als eine Wiedergeburt derselben freudig begrüsst, als die „Gobelins“ unter Guiffreys Leitung zum Prinzip der Alten zurückkehrten und haute-lisse-Tapisserien in grossen Formen und lauten, leuchtenden Farben mit wenig Tönen weben Hessen.
Eine Vergleichung der Rück- und Vorderseite eines alten Bildteppichs belehrt uns sofort, dass neugewebte Tapisserien frisch und beleuchtend in der Farbe sein müssen, sollen auch noch zweite und dritte Generationen sich ihrer Schönheit erfreuen.
Diese Ueberzeugung drängte sich auch unwiderstehlich der Leitung der Gobelin-Manufaktur von Willi. Ziesch & Co. in Berlin SO. auf, welche seit ihrem Bestehen über 4400 Quadratmeter alter Gobelins (einige von ihnen waren in ausgezeichneten Photogrammen vor und nach der Reparatur aufgenommen, in den Invalides ausgestellt) in ihren Ateliers zur Reparatur und Reinigung hatte und dabei Gelegenheit fand, bei jedem einzelnen Stück die eingehendsten Studien über das Verbleichen des Pigments der gefärbten Wollen- und Seidenfasern zu machen und eine auf Erfahrung beruhende Schwindungs- (Verbrennungs-) Theorie für die verschiedenen Pigmente aufzustellen. Diese streng wissenschaftlich durchgeführten Untersuchungen lieferten den untrüglichen Beweis, dass das Pigment selbst noch bei so echt gefärbten Wollen- und Seidenfasern im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte von 10—05 pCt. sch windet, je nach der Licht- und Luftbeständigkeit der verwendeten Farbstoffe.
Mit Ausnahme des hie und da noch vorkommenden Gold- und Silberfadens besteht das Material der Gobelins aus gefärbten Wollen- oder Seidengarnen oder -Zwirnen und verwendet die Berliner Gobelin-Manufaktur zum Färben ihrer Garne bezw\ Zwirne lediglich vegetabilische Farbstoffe und den Fai’black der Cochenille in Küpe oder [Flotte nach vorhergegangenem Beizverfahren. Diese altbewährte und heute noch in Frankreich und bei den Färbern im Orient in ursprünglichster Form gebräuchliche Methode gewährleistet die seit vielen hundert Jahren erprobte beste Sicherheit gegen das Verblassen künstlich gefärbter Fasern, jedoch auch nur relativ, da Licht und Luft unausgesetzt an der Zerstörung des Pigments auch der echtest gefärbten Fasern arbeiten. Diese Zerstörung oder Verbrennung, deren Produkt das „Verbleichen“ ist, schreitet in