13. (f. onlentliche) Versammlung des IX. Vereins]abres.
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ihrem ersten Stadium sclineller, in ihrem zweiten langsamer, d. h. in .Jahrzehnten fast unmerklich vor. Das Eintreten des zweiten Stadiums bezeichnet man als das „Sterilwerden“ der Farben. Man versuchte zwar schon in alter Zeit das Sterilwerden künstlich zu beschleunigen, allein ohne rechten Erfolg und so begannen denn in neuerer Zeit dankeswerter Weise die „Gobelins“ in Paris wieder damit, zu ihren Geweben speciell verfertigte Kartons als Vorwürfe zu nehmen, die mit dem späteren Vei-- bleichenmüssen l»ereits rechneten und setzten so an die Stelle unzulänglicher künstlicher Yerbleicliungsversuche ihrer Garne ein practisches Gobelin-Karton-System.
Es wird hiernach der Karton' eines Gobelins mit so leuchtenden und kontrastreichen Farben gemalt und nach ihm das Gewebe mit so energisch und feurig gefärbten Wollen und Seiden schattiert, dass es nach den so stark Ideiciienden Einflüssen der ersten fünf bis zehn Jalrre, also erst dann, in der richtigen Weichheit und dem eigentlich beabsichtigten Kolorit erscheint und in dieser Schönheit, da ein spätei’es Verbleichen kaum mehr wahi'zunehmen ist, Jahrzehnte lang sich ei'hält und auch einem Jahrhundei't wohl noch trotzen düi’fte. Nach dem Gesagten ergield sich, dass sicli die fahlen verblassenen und unkörperlichen Fai’ben- effekte der modernen Kunstrichtung für diesen Zweck nicht eignen, dass vielmehr die kräftige Farbengebung und deshalb auch Modellierang der Renaissance und des Barocks sowie die Farbenkontraste des Helldunkels allein in Betracht kommen können.
Bei Beschickung der Pariser Weltausstellung nun hat sich die Berliner Gobelin-Manufaktur, um dem heutigen Vei'ständnis für die Gobelin-Bildwirkerei entgegenzukommen, darauf beschränkt, neben einigen Kopien nach alten französischen Gobelins neue Tapisserien im Stile und im Sinne alter, schon etwas vei’blasster Gobelins auszustellen und zwar zwei Kopien von Tapisserien nach Francois Boucher, deren Oi'iginale sich im Besitze Sr. Majestät des Deutschen Kaisers befinden. Diese Originale stammen aus den letzten zwei Dritteln des XVIII. Jahrhunderts und sind ohne Zweifel aus einer der beiden französischen Staatsmanufakturen, entweder den „Gobelins“ in Pai'is oder jener zu Beauvais hervorgegangen. Der Gegenstand der Darstellung ist der Göttergeschichte entlehnt und lässt darauf schliessen, dass die beiden Oi'iginale zu einer jener zahlreichen tentures (unter einer „tenture“ verstand und versteht man eine Serie von Gobelins oder Tapisserien, die gleichen Genres zur Ausstattung eines Raumes dienten, also Möbelbezüge, Wandteppiche, Fensterzwischenbehänge etc.) „les amours des dieux“ gehören. Sichere Anhaltspunkte mangeln jedoch gerade während jener Periode der beiden Staatsmanufakturen, da erstens Boucher sehr häufig dasselbe Motiv unter gleicher Bezeichnung aber ganz abweichender Darstellung gemalt hat, und zweitens, w'eil die Gobelins im letzten Drittel des XVIII. Jahr-
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