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13. (6. ordentliche) Versammlung des IX. Vereinsjahres.
hunderts die einzelnen Stücke in ihrem Inventarverzeichnis nicht mehr einzeln bezeichnet haben, sondern sich damit begnügten, solche vielleicht aus 10 bis 15 verschiedenen grossen „Panneaux decoratifs“ bestehenden Serien nur als „tenture d’aprös Monsieur Boucher“ zu vermerken. Ausgeführt sind die Originale, wie von fachkundiger Seite angenommen wird, in einem der drei Ateliers, denen z. Zt. Cozette, Neilsou oder Audran als Chefs vorstanden.
Um nun noch näher auf das Wesen der Bildwirkerkunst einzugehen, so besteht ihre vornehmste Aufgabe darin, monumental zu wirken; sie schildert uns alsdann historische Scenen, Allegorien oder Bibelgeschichtliches. ln diesem Falle arbeitet sie auf grober Kette, in grossen Massen mit starken Wollfäden, wenig Seide, aber desto mehr Gold- und Silberfäden, wobei sie nur wenige, höchstens fünf, häufig nur wenige, höchstens 3—4 Schatten oder Töne von jeder Farbe zu Hilfe nimmt. Dem Kunst- weber jener Tage lieferte eben der Schönfärber verhältnismässig nur wenige Farben; seine Farbstoffe (Wau, Waid, Indigo, Scharte, Krapp, Cochenille und Kermes und noch einige wenige) Hessen es nicht anders zu. Nach Art der Monumentalmalerei umgiebt die Bildwirkerkunst jener Tage ihre Figuren und Formen mit starken Konturen. So begegnen uns die Werke aus der Blütezeit der Bildwirkerkunst, aus dem XV. oder XVI. Jahrhundert. Unter dem höfischen Einfluss einer späteren Zeit verliert sich der monumentale Charakter und grosse Stil, das Genrehafte tritt an die Stelle des Historischen, das Unbedeutende an die Stelle des Bedeutsamen. Zeitgenössische Scenen und Episoden verdrängen die grossen Ereignisse der Weltgeschichte, Fürstenporträts und glatte Schmeicheleien beginnen Spielraum zu gewinnen. Der Stil verliert an Kraft und Grösse, er wird genrehaft, seicht und hascht nach malerischen billigen Effekten. Die Bildwirkerkunst arbeitet nun auf feiner Kette in grösseren oder kleineren Massen mit feinen Woll- und viel Seidenfäden und mit vielen, 30—50 Schatten eines Tones ohne Konturen in der vollen Wirkung eines Ölbildes. In diese Zeit fällt die Gründung der „Gobelins“ unter Louis XIV. Es folgt der Verfall unter Louis XV. und die Periode des Vegetierens von Louis XVI. bis zur Mitte des XIX. Jahrhunderts.
Traf auch unter Napoleon I., der sich für diesen Kunstzweig sehr interessierte, ein belebender Lichtstrahl diese stolze Industrie, so waren doch die bevorzugten Maler des Hofes, wie z. B. David, G4rard etc., nicht die Männer, welche sie mit Energie aus dem Banne des Genrehaften, Süsslichen und Kraftlosen befreien konnten.
Die schönen „gewebten Bilder“ Francois Bouchers weisen nichts mehr auf von der gewaltigen, der Bildwirkerkunst ureigenen, von ihr untrennbaren Monumentalität; sie sind es aber gerade, welche beim kaufenden Publikum auch heute noch den meisten Vorzug finden. Das war auch der Grund, weshalb die Berliner Gobelin-Manufaktur bei Be-