Heft 
(1900) 9
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13. (5. ordentliche) Versammlung des IX. Vereinsjahres.

lassen, ist wenig bekannt, und es ist deshalb für die Geschichte der Kunstweberei von grosser Wichtigkeit, dass der Verfasser, einer der besten Kenner dieses Kunstzweiges, angeregt durch die künstlerische Ausführung und die Farbenwirkung der Münchener Gobelins, die Spuren dieser Industrie bis zu ihren Anfängen zurückverfolgt hat. Die Ergeb­nisse seiner Untersuchungen hat Astfalck in der genannten Broschüre niedergelegt.

Dem Charakter des Neuen National-Museums entsprechend sind die Wandteppiche und Gobelins, deren Zahl weit über 100 beträgt, in den einzelnen, einer bestimmten Zeitepoche gewidmeten Zimmern untergebracht und bilden hier durch ihre prächtige Farbenwirkung und den Reichtum an Gold- und Silberstickerei im Verein mit anderen Kunstgegenständen, Möbeln und Deckentäfelungen einen hervorragenden Schmuck der be­treffenden Abteilungen. So finden sich in dem grossen Renaissancesaal, den ein Teil der berühmten Holztäfelung aus dem Dachauer Schlosse schmückt, prachtvolle goldstrotzende Wandteppiche, im Ottheinrich-Saale ein hochinteressanter Stammbaumgobelin, im Saale des Kurfürsten Maxi­milian I. Gobelins mit Darstellungen aus der römischen tind biblischen Geschichte, und in den nächsten Sälen mehrt sich die Zahl der in München hergestellten Wandteppiche ganz erheblich. Es ist ein Stück Kunstgeschichte vom Mittelalter bis zur Neuzeit, das die Wände hier entrollen, und für den Deutschen besonders interessant, da sie ein Stück deutscher Kunstgeschichte umfassen. Die meisten dieser Wandteppiche, sind von dem Bildwirker Hans van der Biest hergestellt, der im Anfang des 17. Jahrhunderts als Hofweber des Kurfürsten Maximilian I. in München lebte und nach Entwürfen des Malers und Bildhauers Peter Candid arbeitete.

Bereits der Vorgänger Maximilians, Herzog Albert V. von Bayern, hatte den Plan gefasst, um billiger zu schönen Wandteppichen zu kommen, eine eigene Teppichweberei in München zu errichten, aber erst dem Kurfürsten Maximilian I. gelang es, das Unternehmen ins Werk zu setzen. Nachdem ein Versuch mit flandrischen Webern aus Frankenthal, woher der Kurfürst einen grossen Posten Wandteppiche bezogen hatte, missglückt war, berief er im Jahre 1(504, trotz des Widerstandes der spanischen Statthalter in den Niederlanden, den ge­nannten Jean van der Biest mit (5 anderen Webern nach München und liess von ihnen eine Hautelisse-Weberei einrichten, die in den folgenden Jahren eine erspriessliche Thätigkeit entfaltete. In dieser Zeit sind die grossen Gobelins mit Darstellungen aus der Geschichte des Hauses Wittelsbach, eine Serie Wandteppiche mit den vier Jahreszeiten, 2 TapisserienTag und Nacht und Gobelinstoffe für eine Zimmer­einrichtung mit Darstellungen der zwölf Monate, welche sämtlich im National-Museum aufbewahrt werden, angefertigt worden. Im Jahre 1612