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Fontanes Grete Minde.
Bekmann in seinem vielbenutzten, grossen Werk „Historische Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg“ (Berlin 1751—53) sein oder der Lokalhistoriker A. W. Po hl mann, der 1829 eine Geschichte der Stadt Tangermünde herausgab oder andere, sie fussen lediglich auf dem, was 1 lelmreich und Ritner berichten. Neues über die Begebenheit, ihre Ursache, den Verlauf des Prozesses, den sie zur Folge hatte, die neben Grete Minde an der Brandstiftung angeblich beteiligten Personen brachte erst ein kleines i. J. 1843 erschienenes, ebenfalls von dem Pfarrer A. \V. Pohlmann verfasstes Schriftchen, das den Titel führt: Margaretha Minde oder die Feuersbrunst zu Tangermünde am 13. September ltilT. Ein Denkmal menschlicher Verworfenheit usw. Der Verfasser hatte die im Rathaus der Stadt noch vorhandenen Originalakten über die Angelegenheit studiert und war so in der Lage, Unbekanntes zu sagen.
Diese Litteratur, d. h. Helmreichs und Ritners Annalen, sowie die eben erwähnte Pohlmannsche Schrift lag vor, als Theodor Fontane daran ging, den Vorgang zum Gegenstand einer Dichtung zu machen. Das geschah Ende der siebziger Jahre. 1878 war sein erster Roman erschienen „Vor dem Sturm“, der die schwere Zeit zwischen der Niederwerfung Prenssens durch Napoleon und der Erhebung behandelt. Zwei Jahre später schenkte er uns sein zweites episches Werk: „Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik“.
Es sei mir gestattet anachronistisch schon hier einer Arbeit zu gedenken, die erst nach Fontanes Erzählung erschienen ist, aber wegen ihrer Bedeutung für den Gegenstand nicht unerwähnt bleiben kann. Ln Jahre 1883 sah sich Ludolf Parisius veranlasst in den Bildern aus der Altmark, die er zusammen mit dem Zeichner Dietrichs herausgab, auf die Tangermündische Feuersbrunst näher einzugehen und die über sie vorhandene Überlieferung einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Auch er studierte die Prozessakten durch, kam aber zu einem ganz andern Resultat als Pohlmann. Ihm schienen die durch die Folterqualen erpressten Aussagen der Angeschnldigten, selbst die, die das Zugeständnis des Verbrechens enthalten, keineswegs glaubwürdig, zumal sie im Widerspruch miteinander stehn und er gelangte zur Überzeugung, dass mit der Hinrichtung der armen Grete ein arger Justizmord verübt worden sei. Eine Ehrenrettung betitelt er denn auch seine Darstellung. Der Dichter hat von dieser leider so spät erfolgten Rehabilitierung Kenntnis genommen und sie hat ihm, wie ich aus dem Munde seiner Gattin weiss, mit Genngthuung erfüllt. Wir werden im Laufe dieser Betrachtungen noch erfahren, weshalb.
Was reizte den Dichter an diesem Stoff? Die Antwort darauf ist nicht schwer. Es reizte ihn, dass er romantisch und zugleich heimatlich war. Fontanes wiederholter, zum Teil langjähriger Aufenthalt in