Heft 
(1900) 9
Seite
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Fontanes Grete Minde.

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England in den vierziger und fünfziger Jahren hatte ihn das Volksleben und die \olkspoesie, den unendlich reichen Schatz herrlicher Balladen des Inselreiches kennen gelehrt, aber doch auch nach seinem eigenen Bekenntnis in ihm die Überzeugung geweckt, dass ebenso wie das fremde Band auch seine viel verlästerte Heimat unverächtliche landschaftliche Beize und eine Fülle historischer Erinnerungen biete (vgl. das erste Vor­wort zum ersten Band der Wanderungen durch die Mark). So entstand der eigentlich märkische Dichter in Fontane ex opposito, was freilich bei einem Mann, in dem wie in ihm die Neigung fürs Paradoxe Zeit seines Bebens wirksam war, nicht weiter überraschen kann. Also zu­erst reizte ihn der Stoff, weil er heimatlich war. Dann aber musste es ihm seine romantische Färbung anthun. Man denke: eine Patrizier­tochter gerät unter die fahrenden Leute! Diese waren von jeher in der romantischen Poesie beliebt, und dem auf das Besondere, das Ungewöhn­liche gerichteten Sinn des Dichters gewiss auch in der Wirklichkeit stets interessant. Dazu kommt aber noch, und wohl als das Wichtigste, das psychologische Moment. Wie, so musste sich der allzeit wiss­begierige, in der Tiefe der Seele forschende Dichter fragen, wie ist es möglich, dass ein Patrizierkind zur Mordbrennerin wird?

Die Überlieferung geht über dieses Problem sehr leicht hinweg. Für sie ist Voraussetzung, was für ein Dichtergemüt Frage ist. Für sie ist Grete Minde von vornherein dasheillose Weib, dessen Vater wegen eines Totschlages hatte flüchten müssen, Kriegsmann ward und ein aus­ländisches Weib ehelichte. Der Verbindung entspross jenes Wesen An welchem nicht ein gutes Haar Von Jugend auf zu finden war,

und das sich zur Vollziehung der Rache an jenen losen Buben hing. Dieser billige, vielleicht übrigens auch nicht völlig unbegründete Stand­punkt der Überlieferung hindert aber nicht anzunehmen, dass das, was ich das psychologische Moment nannte, die Frage: wie konnte ein Kind einer Ratsherrenfamilie zur Mordbrennerin werden?, das eigentlich Lockende für Fontane war. Es giebt dafür ein Argument, dessen schlagender Beweiskraft sich niemand entziehen kann. Das ist die Er­zählung selbst, deren eigentlicher Inhalt die Ausführung dieses Themas ist. Denn nicht weiter als bis zur Feuersbrunst führt Fontane die Handlung. Seinem zarten, weichen Sinn war alles Hässliche fremd. Den Brand einer ganzen Stadt, das Elend, das er im Gefolge hat, im einzelnen zu schildern, lag gewiss ausserhalb seines poetischen Wollens, und nun gar von den Martern und Qualen einer gefolterten Frau und ihrer Genossen zu erzählen, das musste ihm völlig zuwider sein. Nnn verweilen die Quellen aber vorzugsweise bei der Darstellung der Feuers- brunst, und der sich an sie anschliessenden Vorgänge: der 'Verhaftung der Beschuldigten, des Prozesses, der ihnen gemacht wurde, ihrer Hin-