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Fontanes Grete Minde.
riclitung, während sio die Vorgeschichte ganz flüchtig abthun. Bei Hitner nimmt sie etwa den fünften Teil seines Berichtes ein. Was hat dann aber Fontane, so fragen wir, von der Überlieferung benutzt, wenn er der Vorlage nur auf eine so kurze Strecke folgt? Dies führt mich zu dem eigentlichen Thema, das ich mir gestellt habe, zu dem Kern dieser Betrachtungen, zu der Frage: wie hat der Dichter aus dem Rohstoff der Überlieferung sein poetisches Werk geschaffen?
Sie erschöpfend zu beantworten ist an dieser Stelle nicht möglich. Wollte ich genau verfolgen, wie Fontane das von der Tradition Gegebene bereichert, belebt, vertieft hat, so würde das eine Darstellung erfordern von nicht geringerem Umfang als ihn die Erzählung selbst besitzt. Notwendig ist also hier eine Auswahl zu treffen und nur die wichtigsten Momente können hervorgehoben werden. Aber schon ein Umriss des Inhaltes der Dichtung, eine Skizzo des Ganges der Handlung wird eine Vorstellung geben von dem, was Fontane hinzugethan hat, wie er geändert hat, um eitu Kunstwerk hervorzubringen.
Was die Annalisten berichten, haben wir gesehen. Es ist iin wesentlichen)nur die Thatsache, dass Grete Minde aus Rache dafür, dass ihrer Mutter und ihr das ihr zukommende Erbe versagt wurde, die Stadt in Brand setzte. An Personen, die bei der Begebenheit eine Rolle spielen, führen sie auf: den zur Zeit der Geschehnisse schon verstorbenen Vater Gretes, der wegen eines Verbrechens geflohen war und später in der Fremde ein ausländisches Weib heiratete, seinen Bruder Heinrich, der die Auszahlung des Erbes verweigert und den Gatten Gretes, der auf der Folter die Brandstiftung eingestellt. Dem gegenüber finden wir bei Fontane eine ganze Fülle von Personen. Ausser den eben genannten, von denen übrigens der Dichter den Vater leben und in Tangermünde den Rest seines Daseins bescliliessen lässt, während er aus dem historischen Oheim Heinrich (der, nebenbei bemerkt, auch vor tler Katastrophe starb) einen Stiefbruder Gerdt gemacht hat, ausser diesen finden wir als Hauptpersonen: die'Gattin dieses Gerdt Minde, Gretes Schwieger, einen RatslierriPZernitz und Frau, als die Eltern von Gretes Gefährten Valtin, den Prediger Gigas, Regine, Gretes Pflegerin und seit vielen Jahren Verweserin des Hauses, eine treue Seele, ähnlich der Roswitha in „Effi ßriest„ und daneben eine beträchtliche Anzahl episodischer Figuren. Zudem erstreckt Fontane die Darstellung auf eine Reihe von Jahren, indem er unsjweit in die)Vergangenheit zurückführt. Grete ist beim Beginn der Erzählung kaum 14, Valtin, ihr Genosse, 16 Jahr.
Mit einem Idyll setzt die Dichtung ein. In den Gärten, die sich zwischen den benachbarten Häusern ausdehnen, finden wir Grete und Valtin in unschuldsvollem Spiel. Er zeigt ihr ein Vogelnest, holt ihr Kirschen vom Baum und giebt ihr beim Überreichen der Früchte einen herzhaften Kuss. Eine ähnliche, vermutlich in der eigenen Knabenzeit