Fontanes Grete Jlinde.
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erlebte Situation hatte Fontane schon früher in dem Gedicht „Im Garten“ dargestellt („Gedichte“ 2. Aufl. 1875 S. 6). Die Schwieger Trud, eine neidische, hartherzige Person, streng und bigott, die unter der Lieblosigkeit ihres tragen, habsüchtigen Gatten leidet, beobachtet die harmlose Scene und eilt zur Stiefmutter des Knaben, der Frau des Ratsherrn von Zemitz, um sie auf die Gefahren der kindlichen Liebesäusserung hinzuweisen mul sie zu veranlassen, den Verkehr der beiden Gespielen zu verbieten. Yaltins Stiefmutter ist nun'aber das gerade Gegenstück zur Schwieger Trud. Zwar ist auch sie in der Ehe nicht glücklich, aber heiter und lebenslustig wie sie ist, nimmt sie das Dasein leicht. In einem köstlichen, echt Fontaneschen Geplauder entwickelt sie ihre optimistische Weltanschauung und hält ihrer Freundin und Nachbarin einen Spiegel vor. „Lache mehr und bete weniger“, so schliesst sie ihre Ratschläge. Inzwischen sind fahrende Leute, Puppenspieler, in der Stadt angelangt und verkündigen, dass sie am nächsten Tage mit hoher, obrigkeitlicher Bewilligung das Spiel vom „jüngsten Gericht“ auf dem Rathause aufführen werden. Grete bittet um die Erlaubnis es zu besuchen, die Schwieger aber will es nicht gestatten, weil in ihren Augen die Darstellung Gottes und des Teufels als Puppen eine Profanation ist. Doch mit Hilfe ihres alten Vaters erreicht es Grete. Er giebt die Einwilligung, nachdem er erfahren hat, dass Yaltin und seine Eltern ihm beiwohnen würden. Von der Aufführung entwirft Fontane eine kurze, ergreifende Schilderung, dass wir uns von den Schauern der Ewigkeit umfangen fühlen. Die Vorstellung aber wird jäh unterbrochen, indem die Entzündung eines Pulverfasses durch einen Feuerwerkskörper eine Explosion bewirkt. In dem überfüllten Saal entsteht ein Gedränge, bei dem einige Menschen getötet werden. Auch die ohnmächtig gewordene Grete gerät in Lebensgefahr, wird jedoch durch die Entschlossenheit des jungen Yaltin, der sie hinausträgt, gerettet.
Nun ist die Zeit herangekommen, dass Grete zur Einsegnung vorbereitet wird. Sie soll zum Prediger Gigas kommen, den sie fürchtet, weil „er einen so durch und durch sieht“. Ihr ist immer, als meine er, sie verstecke was in ihrem Herzen, und sei noch katholisch von der Mutter her. Aber sie irrt sich glücklicherweise. Er ist ein Verkündiger der Liebe. Als die Schwägerin Trud ihn vor dem Mädchen warnt und von ihr sagt, dass etwas böses in ihr sei, antwortet er mit den schönen Worten: „In uns allen, Trud. Und nur zwei Dinge sind, es zu bändigen: der Glaube, den wir uns erbitten und die Liebe, die wir uns erziehen. Liebt Ihr das Kind? — Und sie senkte den Blick“. (S. 32. Ich citiere nach dem Abdrucke der Dichtung im 5. und (5. Bande der „Gesammelten Romane und Erzählungen“.)
Der Mangel an Liebe verschärft den Konflikt zwischen Grete und der harten, herzlosen Schwägerin immer mehr. Beinahe ein Jahr, nach-