Fontanes Grete Minde.
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keiten, die sie sehen, eingeben. Im Mittelpunkt der Unterhaltung aber steht das Wort „Flucht“. In echt Fontanescher Weise werden wir damit auf das bevorstehende Ereignis vorbereitet. Zugleich aber benutzt der Dichter das Motiv, um uns einen tiefen Blick in die Kindesseele Gretens werfen zu lassen. In ihrer Gottesfurcht und frommen Einfalt hat sie ihren einzigen, erfahrenen Freund, den Prediger Gigas, gefragt, „ob Flucht allemalen ein bös und unrecht Ding sei? Oder ob es nicht auch ein rechtmässig und zuständig Beginnen sein könne?“ (S. 81 f.) Sie erzählt nun, wie der Pfarrer, dessen Herz von Sorgen beschwert ist, da er, der strenge Lutheraner, am nächsten Tage vor dem reformierten Kurfürsten zu predigen hat und zudem noch durch den Besuch des alten Bürgemeisters Peter Guntz in seiner Antwort unterbrochen wird, wie er unvollkommen erwidert und dass sie herausgehört hat, „dass auch eine Flucht das Rechte sein könne“. Und nun zählt sie auf, wer alles geflohen sei. „Joseph und Maria floh. Und auch Petrus floh aus seinem Gefängnis“. So ist sie denn entschlossen, Haus und Stadt zu verlassen, aber Valtin ist diesmal nicht so bereitwillig und nimmt sogar das Versprechen, das er ihr im verwicheuen Herbst gegeben hat, das Versprechen, ihr Retter zu sein, zurück. Inzwischen ist es Nacht geworden und Grete bestellt Valtin für eine spätere Zeit in den Garten, da ihr nichts Gutes ahnt. In die Wohnung heimgekehrt, findet sie die Schwägerin in heller Bestürzung. Das der Obhut Reginens überlassene Kind liegt in Krämpfen und Trude wirft ihr in leidenschaftlichem Hasse vor, dass sie allein die Schuld daran trifft. Es kommt zu einer heftigen Scene. Worte wie: „Undankbare Kreatur“, „Bettelkind“, „Fremde Brut“ fallen, und Trude, ihrer Sinne nicht mächtig, schlägt nach Grete. Da greift sie nach dem über der Wiege hängenden Gürtel der Schwägerin und schleudert ihn ihr ins Gesicht, dass ein Blutstreifen über ihre Wange rinnt. Nun bleibt nichts übrig als die Flucht. Grete eilt in ihre Kammer, schnürt das Notwendigste in ein kleines Bündel, kniet zu einem inbrünstigen, von heissen Thränen begleiteten Gebet nieder, in dem sie Gott um Verzeihung und seinen Beistand bittet und begiebt sich nach dem Garten, wo der treue Valtin ihrer harrt. Die Flucht wird nun bewerkstelligt. Fontane schildert nur gleichsam ihre erste Station. Nach einem langen Weg durch den nächtlichen Wald treffen die beiden auf Flossfahrer, die ihnen auf ihrem, von einem abenteuerlich-interessanten Reiz umwobenen Fahrzeug eine Freistatt gewähren. Man fühlt, mit welcher Neigung der Dichter seinen so ausgeprägten Beobachtungssinn auch der romantischen Existenz solcher Leute zugewandt hat. Mit liebevoller Sorgfalt schildert er die sinnreichen Einrichtungen dieser zusammengekoppelten Flösse und das Leben und Treiben auf ihnen. Doch nur ein kurzes Verweilen ist den Flüchtlingen bei diesen Heimatlosen vergönnt. Grete, immer die scharfsichtigere, merkt, dass das zu