Fontanes Grete Minde.
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sei und wieder lesen wolle. Da springt Grete auf und ein Blick unendlichen Hasses schiesst aus ihren Augen. Nachdem sie so in ihrer Not nicht erhört ist, will sie ihr Hecht. Sie, des reichen Jacob Minde Tochter, will min ihr Erbe, um das sie schon aus der Fremde vergebens gebeten hatte (S. 118). Gerdt lacht sie aus. Sie habe kein Erbe. Das Geld der Mindes habe seine Mutter eingebracht.
Die abgewiesene Grete beruhigt sich nicht bei diesem Bescheid. Sie wendet sich an den Magistrat und während einer Ratssitzung erscheint sie mit ihrem Kinde in demselben Saal, in dem sie vor Jahren das Spiel vom „Jüngsten Gericht“ hat aufführen sehen. Sie trägt dem alten Beter Guntz ihre Klage gegen den Bruder vor und er fragt den Ratsherrn: „Ist es, wie sie sagt? Oder was habt Ihr dagegen vorzubringen?“ Gerdt erklärt, dass seine Stiefschwester keinen Anspruch auf ein Erbe habe. Die Mindes hätten nichts besessen. Erst durch seine Mutter sei das Geld in die Familie gekommen, das der Vater aber wieder verloren habe und noch jetzt sei das von ihr Eingebrachte noch nicht zurückerworben. „Und dies sagt Ihr an Eides statt, Ratsherr Minde?“ fragt Peter Guntz. „Ja, Peter Guntz!“ Ein Appell des alten Bürge- meistens an Gerdts llerz, er möchte aus christlicher Barmherzigkeit von seinem Recht ablassen, bleibt unberücksichtigt. Unerhört auch* hier verlässt Grete den Saal.
Und nun verwirren sich ihr die Sinne. Schon vorher hatten sich Spuren von Trübungen ihrer Seele gezeigt. Der harte, ungewohnte Kampf um die Existenz, die Erniedrigung, die sie über sich ergehen lassen musste, die herbe Enttäuschung, die ihr die Freiheit brachte, der Tod des Geliebten und zuletzt die ihr angethane Schmach, der Schmerz und die Wut über das erlittene Unrecht verdüstern ihr den Verstand. Ratlos irrt sie in der Stadt umher und findet, als der Abend hereingebrochen ist, in einer Scheune Unterkunft. Und hier in Verblendung der Sinne übermannt sie das Gefühl des Hasses und der Rache. Um ihre Vaterstadt zu vernichten, legt sie Feuer an. Sie ersteigt einen Festungsturm, um sich von hier aus an dem Anblick der brennenden Häuser zu erlaben. Dann eilt sie zu ihrem einstigen Wohnhaus und entzündet es und entführt vor den Augen der vor Angst gelähmten Trud deren Knaben. Mit ihm und ihrem eigenen Kind ersteigt sie den Stephansturm. Und hier steht sie nun, während die ganze Stadt unten ein Feuermeer bildet. Aller Blicke sind nach der Höhe des Turmes und auf sie gerichtet. „Unter denen, die hinaufwiesen, war auch Gerdt. Den hatte sie mit ihrer ganzen Seele gesucht, und jetzt packte sie seinen Knaben und hol) ihn auf das Lukengebälk, dass er frei dastand und im Widerschein des Feuers von unten her in aller Deutlichkeit gesehen werden konnte. Und Gerdt sah ihn wirklich und brach in die Knie und schrie um Hülfe, und alles um ihn her vergass der eigenen