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Fontanes Grete Mimle.
Not und drängte dem Portal der Kirche zu. Alter ehe noch die Vordersten es erreichen oder gar die Stufen der Wendeltreppe gewinnen konnten, stürzte die Schindeldecke prasselnd zusammen, und das Gebälk zerbrach, an dem die Glocken hingen, und alles ging niederwärts in die Tiefe“ . . .
Schon diese Skizze zeigt Urnen, wie viel Fontane stofflich zur Überlieferung hiuzugethan hat. Auch wie er die Personen und Ereignisse für die künstlerische Darstellung zustutzte, ist schon aus der Analyse ersichtlich. In erster Reihe hat der Dichter alles in eine höhere Sphäre gehoben und es sich dann angelegen sein lassen das Sinken der Heldin in den niedern Stand begreiflich zu machen. Die historische Grete Minde hing sich an einen losen Buben, wie die Überlieferung sagt, an einen fahrenden Mann, wie wir sagen würden. Die Heldin der Dichtung flieht mit einem ebenbürtigen Jugendgespielen. Dass sie in Gesellschaft von Fahrenden geraten, erklärt sich hinlänglich eben daraus, dass sie von besserer Herkunft sind. Denn dadurch ist ihnen die Kenntnis des Lebens der Arbeit entzogen, in das der Arme und niedrig Geborene nur zu früh einen Einblick erhält. So ermangeln sie der Vorbereitung für einen ehrsamen Beruf. Ihre Flucht ist ein unbesonnenes, phautastiches Unternehmen, das in der Jugendlichkeit der Personen seine Erklärung findet. Alter der Dichter suchte es auch tiefer, durch ein sittliches Monument zu begründen. Darum lässt er beide ohne Mutterliebe aufwachsen. Beide entbehren der liebenden Sorgfalt der Eltern, die allein den Kindern das Heim zu einer Stätte des Friedens und der Freude macht.
Solche fundamentale Unterschiede im Charakter des Stoffes lehrt schon die Analyse. Von der sonstigen künstlerischen Eigenart der Dichtung aber kann keine Skizze eine Vorstellung geben. Die verschafft nur die eigene Lektüre. Schon „Grete Minde“ zeigt in der Entwicklung der Fabel, im Aufbau der Handlung, in der Verteilung der Motive, in der Art, wie die wichtigeren durch Winke und Andeutungen hervorgehobeu werden, jene feine Struktur, die die Fontaneschen Dichtungen wie zarte Gewebe erscheinen lässt. Kein grösseres Motiv erfahren wir unvorbereitet. Es ist, als wenn der feine Sinn des Dichters sich dagegen sträubte, uns etwas Unvermutetes erfahren zu lassen. Alles ist leise, aber von langer Hand vorbereitet, nichts geschieht unvermittelt. Wenn er erzählen will, dass sich die Kinder im Walde verirren, flicht er, um uns in Stimmung zu versetzen und uns sachte zu dem Erlebnis hinzuleiten, vorher die Erzählung der Tangermündischen Sage von der Jungfer Lorenz ein, die sich in demselben Walde verirrte und von einem Hirsch aus der Tiefe des Forstes heraus bis an das Thor und in die Mitte der Stadt getragen wurde. — Wir haben gesehen, wie die Nonnen von Arendsee zuletzt in Gretes Schicksal eingreifen. Das geschieht nicht,