Heft 
(1900) 9
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Fontanes Grete Minde.

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ohne dass schon vorher von ihnen einmal vorübergehend die Rede ist. Nach der heftigen Scene zwischen Trud und Grete verlangt jene von Gerdt dieEnt- fernung derHexe aus dem Hause.Wohin mit ihr? fragt Gerdt. Ich hab an die Nonnen von Arendsee gedacht, erwidert Trud.Das ist nicht zu nah und nicht zu weit. Und da gehört sie hin. Denn sie hat ein katholisch Herz. (S. 92). Einige Zeit vor dem Tode des alten Minde wird in rührend zarter Weise auf sein Verscheiden hin­gewiesen. Heim Maienfest erscheint auch er. Und kaum ist er vom Pferde gestiegen und hat Platz genommen, so pflückt Grete Blumen und sagt:Soll icli Dir einen Kranz flechten? Aberder Alte lächelte:Noch nicht, Grete. Ich warte noch ein Weilchen. Und sie sah ihn mit ihren grossen Augen an und küsste stürmisch seine welke Hand. Denn sie wusste wohl, was er meinte. Übrigens ist der Ausdrucksie küsste seine welke Hand eine Reminiszenz an Goethes Faust (V. 2699). Vielleicht hat dankbar für den heilgen Christ,

Mein Liebchen hier, mit vollen Kinderwangen,

Dem Ahnherrn fromm die welke Hand geküsst!

Gerdts Geiz und Habsucht wirkt am Schluss bestimmend auf das Schick­sal Gretens. Deshalb wird früh, aber ganz nebenbei und scheinbar ab­sichtslos auf diesen Charakterzug hingewiesen. Bei der Schilderung des Weihnachtsabends, an dem Greten neue Kränkung widerfährt, heisst es von dem Knaben des Bruders, dass er nach den Lichtern des Baumes haschte und vor allem nach dem Goldschaum, der reichlich in den Zweigen glitzerte,s ist Gerdts Kind sagte Grete, der ihres Bruders Geiz und Habsucht immer ein Abscheu war. (S. 66) Ja, weil der Zug so wichtig wird, begründet ihn Fontane tiefer und giebt uns zu verstehn, dass er die Schwäche von der Mutter geerbt hat. Denn sie trug, erzählt Regine Greten, immer selbstgebleichtes Linnen. Und warum trug sies? Weil sie geizig war; und es sollt immer mehr und mehr werden. Denn sie war eines reichen Brauherrn Tochter, und alles Geld, das wir haben, kommt von ihr (S. 22). Was in der Überlieferung der alleinige An­lass der Brandstiftung ist: die Verweigerung des Erbes wird bei unserm Dichter zur letzten treibenden Ursache des furchtbaren Ausganges. Auch auf dieses wichtige Motiv wird, lange bevor es entscheidend eingreift, angespielt und früh wird es vorbereitet. Der Scene ist schon gedacht, in der Grete vor Valtin ihr Herz ausschüttet und er sie aufrichtet mit dem Versprechen, alles, was sie nur wolle, für sie zu thun. Das hat sie hören wollen. Das, das!, heisst es. Und nun ist sie wie umgewandelt und träumt eine selige Zukunft.Wir wollen aushalten, wie Du sagst, ruft sie beglückt aus, und wollen hoffen und harren, bis wir gross sind und unser Erbe haben. Denn wir haben doch eins, nicht wahr? Und haben wir das, Valtin, so haben wir uns, und dann haben wir die ganze Welt! (S. 63.)