Heft 
(1900) 9
Seite
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Fontanes Grete Minde.

Natürlich lässt es sich der Dichter auch angelegen sein, ein besonders wichtiges Moment der Dichtung: das seltsame äussere Schicksal der Heldin begreiflich zu machen und von innen heraus mit ihrer Charakter­anlage zu begründen. Grete ist eine von jenen häufigen Frauengestalten, wie sie Fontane besonders gerne schildert, die, von einer unbestimmten Sehnsucht erfüllt, mehr in der Vorstellung als in der Wirklichkeit leben und schliesslich ihrer starken Phantasie zum Opfer fallen. Sie wird zur Abenteuerin, nicht bloss weil ihr daheim die Liebe fehlt, weil sie hart behandelt wird, sondern auch weil ihr das Ferne, Ungewöhnliche im Lichte der Verklärung erscheint. Von iliror Doppelexistenz hier auf der Erde und im Reich der Träume hören wir oft. Valtin hat ihr einmal von einem Thal erzählt, das tief in Bergen läge, über das der Sturm drüber hinginge, in dem kein Krieg wäre und die Menschen einander liebten. Das Thal sah Grete nun im Wachen und in Träumen. Viele Wochen lang. Und sie sehnte sich danach und wollte hin (S. 00). Ein ander Mal sagt sie:Nun sieh, Valtin Du weisst, ich bin immer weit fort; weit fort in meinen Gedanken (S. 80). Und der Dichter berichtet von ihrer Gewohnheit, vor dem Fanschlafen sich in wachen Träumen eine Welt der Freiheit und des Glückes aufzubauen.Dabei sah sie sich am liebsten am Bug oder Steuer eines Schifies stehn und der Seewind ging, und es war Nachtzeit und die Sterne funkelten. Und sie sah dann hinauf, und alles war gross und weit und frei. Und zidetzt überkam es sie wie Frieden inmitten aller Sehnsucht. Ihr Trotz wurde Demut und an Stelle des bösen Engels, der ihren Tag beherrscht hatte, sass nun ihr guter Faigel an ihrem Bett (S. 65 f.). Auch Gretens furchtbare, im Irr­sinn verübte Unthat sucht der Dichter aus ihrer ursprünglichen Anlage, ihrer Natur zu erklären. Und nicht bloss aus ihrem Hasse, dessen er sie recht fähig zeigt, leitet er sie her, sondern sie fliesst in echt mensch­licher Tragik zugleich aus einer edlen Eigenschaft. Darum lässt er sie sagen:Ich kann kein Unrecht sehen. Und wenn ichs seh, da giebt es mir einen Stich, hier grad ins Herz, und ich möchte dann weinen und schrein (S. 56) . . und ein zweites Mal wiederholen:Ich mag kein

Unrecht sehen und auch keines leiden. (S. 83).

Dieses Bestreben des Dichters, die Vorgänge leise vorzubereiten und miteinander zu vermitteln, nichts geschehen zu lassen als was schon angekündigt ist, so dass die Begebenheiten und ihre äusseren wie inneren Ursachen wie die Fäden eines Netzes miteinander verknüpft erscheinen, ist nicht bloss die Zierde eines Kunstwerks, sondern im tiefsten Wesen der Poesie begründet. Poesie ist verklärte Wirklichkeit oder wie es Jacob Grimm mit herrlichen Worten ausgesprochen hat:Die Poesie ist nichts anders als das Ijeben selbst, gefasst in Reinheit und gehalten im Zauber der Sprache. Und wie im Leben und im Lauf der Welt Ursache und Wirkung aufs innigste verkettet sind, so muss auch in ihrem Abbild, der