Heft 
(1900) 9
Seite
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Fontanes Grete Minde.

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Dichtung, das Gesetz der Causalität sichtbar sein. Wie moderne Dichter, besonders Fontane, Ibsen und Gerhart Hauptmann dieser Forderung gerecht werden, das ist der Determinismus, übertragen auf das Gebiet der Kunst.

Ich habe zu zeigen gesucht, wie viel Fontane hinzuthut, um aus dem überkommenen Stoff eine Dichtung zu gewinnen. Meist liess er dabei die eigene Phantasie walten. Allein für einige Züge benutzte er die Überlieferung. Um die Chronologie blieb er dabei freilich unbe­kümmert. So haben in der That Puppenspieler im Rathaus zu Tanger­münde eine 'Vorstellung desJüngsten Gerichts gegeben und es ereignete sich auch dabei ein Brandunglück, wie der Dichter erzählt. Aber die Begebenheit, die uns Ritner berichtet, fiel ins Jahr 1(146, beinahe dreissig Jahre später als Fontane sie geschehen lässt. Eine zweite von Ritner unabhängige Darstellung des Vorganges giebt Sebaldus, Breviarium historicum p. 432. Dass der Dichter ihn sich nicht entgehen liess, wird man begreifen. Denn einmal:

Gaukler und Dichter

Sind gar nahe verwandt, suchen und finden sich gern.

Dann aber, welchen Vorklang musste die Aufführung desJüngsten Gerichts für eine Erzählung geben, die mit einem so furchtbaren Straf­gericht schliesst! Welch symbolische Bedeutung gewinnt das Spiel! Die packende Schilderung, .die er von seinem Wesen und Inhalt entwirft, giebt er übrigens ganz aus Eigenem, ohne irgend eine Vorlage, etwa das mittelalterliche Mysterium, das dieses Thema behandelt, benutzt zu haben (Mone, Schauspiele des Mittelalters 1, 273 f.Das jüngste Gericht, hrsg. von Nie. Senn v. Buchs-Werdenberg. Teufen 1869. August Hartmann, Volksschauspiele. In Bayern und Österreich-Ungarn gesammelt. Leipzig 1880 p. 412 ff.)

Auf ihrem letzten Spaziergang vor der Flucht erzählt Grete ihrem Valtin bei dem Anblick des Dorfes Fischbeck von ihrem Pfarrer, der Sohn eines Fischbecker Bauern war und seines Vaters Pferde hüten sollte, ihm aber im Drang nach Höherem entlief und schliesslich am selben Ort Prediger wurde.Und sein Vater hat es noch erlebt. (S. 79.) Diesen Zug fand Fontane in Pohlmanns Geschichte von Tangermünde. (S. 239.) Aber hier wird der interessante Lebenslauf von Lorenz Prä- torius, dem zweiten Prediger an der Stephanskirche, erzählt, der ein Zeit­genosse Grete Mindes war und 1626 starb.

Wie Fontane hier sorglos auf einen Namenlosen und au einem andern Ort Lebenden überträgt, was in Wirklichkeit für einen bestimmten, in Tangermünde ansässigen Geistlichen zutraf, wie er bei der Gestaltung der Fabel mit der Überlieferung souverän schaltete, so hat er auch sonst die äussere Geschichtlichkeit bewusst verletzt. Aus Küsters Antiqui- tates Tangermundenses, die er wahrscheinlich benutzte und auf die ihn

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