Fontanes Grete Minde.
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(III, 7(5). Daher vermute ich, dass Fontane das Küstersche Buch gekannt hat. Denn von dort mag er die Anregung empfangen haben, ihn von dem Kurfürsten zu einem Religionsgespräch einladen zu lassen (S. 70 Zwar erzählt auch Bekmann (V. TI. 1. Buch 6. Kap. Sp. 13), dass Gigas den Unterredungen beiwohnte, die im September und Oktober 1614 auf Befehl des Kurfürsten in der Nicolaikirche zu Berlin von den kirchlichen Inspektoren abgehalten wurden und das könnte Fontane auch schon zu seiner Erfindung angeregt haben, allein es ist schon aus einem anderen Grunde wahrscheinlich, dass unser Dichter den Küster benutzte. Wenn er auf dem Titel seiner Erzählung sagt „Nach einer märkischen Chronik“, so ist doch anzunehmen, dass er mindestens Ritners Bericht gekannt hat. Dass ihm der aber in dem Küsterschen Abdruck zugänglicher war als im Original oder vielleicht allein zugänglich, ist oben (S. 391) bemerkt Fontane hat sich von Gigas eine ganz persönliche Vorstellung gemacht, wenn er von seinen roten Augen spricht, die der Wimpern entbehren (S. 30(1). Ganz in seiner Art und reizend erfunden ist dann der Zug, dass dieser ernste Mann, als ihm die hübsche Trud entgegenkommt, sich aufrichtet und grader geht als gewöhnlich. „Nicht zu glauben! . . . Und ist so alt und so fromm“, murmelt die alte Magd, die das sieht (S. 30).
Wie aber Fontane inbezug auf die Namen willkürlich verfährt und die Chronologie verletzt, so erfindet er auch Thatsachen, die historisch nicht begründet oder jedenfalls nicht erweislich sind. Er lässt den Kurfürsten in Tangermünde weilen, ohne dass irgendwo in der Ueber- lieferung von einem Besuche der Stadt durch den Landesherrn die Rede ist- Bezeichnender Weise spricht er auch immer nur von dem Kurfürsten, ohne ihm den Namen Johann Sigismund beizulegen, wie er auch, was sehr bemerkenswert ist, nirgends die Zeit oder auch das Jahrhundert geradezu nennt, in dem sich die Vorgänge abspielen. Wohl aber ist er, wie wir noch sehen werden, bemüht, mittels innerer Momente zn datieren. Indem er sich aber in bewusster Tendenz mit der Ueberlieferung in Widerspruch setzt oder über sie hinausgeht, indem er die Begebenheiten seiner Dichtung weit überwiegend frei erfindet, baut er sich eine eigene, zwischen Realität und Irrealität schwebende, unbestimmte Welt. Nicht die Wirklichkeit, die doch nicht zu erreichen war, will er geben, sondern ihr verklärtes Abbild nach dem Worte Schillers:
Was sich nie und nirgends hat begeben,
Das allein veraltet nie.
Und er durfte auf die äussere Geschichtlichkeit verzichten, weil er sich bewusst war, die innere, den Geist der Zeit getroffen zu haben.
Die Epoche, in der sich Grete Mindes Schicksal abspielt, ist hauptsächlich durch ein Moment bezeichnet: die erbitterten Glaubenskämpfe.