Fontanes Grete Minde.
40b
Der Katholik steht dein Protestanten schroff gegenüber, und innerhalb der evangelischen Religion befehden sich Lutheraner und Calvinisten mit einem Eifer und Fanatismus, die einer besseren Sache würdig gewesen wären. Und diesen entscheidenden Zug der Zeit greift Fontane mit dem seherischen Blicke des rückwärts gewandten Propheten auf und verwebt ihn aufs innigste mit seiner Dichtung, der er dadurch erst den weltgeschichtlichen Hintergrund giebt. Darum wird der religiöse Gegensatz zu einem treibenden Motiv in dem Schicksal der Heldin. Ihre Mutter war Katholikin. Sie selbst steht im Verdacht katholischer Neigungen. Der Hass, den die streng lutherische, bigotte Trud gegen sie hegt, wurzelt zunächst in dieser Verschiedenheit des Glaubens.
Keimt ein Glaube neu,
Wird oft Lieb und Treu
Wie ein böses Unkraut ausgerauft.
Darum auch gewährt Fontane dem Besuch des Kurfürsten, der die Toleranz gegenüber der Unduldsamkeit vertritt, einen breiten Raum und man begreift, warum er so lange bei der Predigt verweilt, die Gigas, der Repräsentant des Luthertums, vor dem calvinistischen Kurfürsten zu halten hat. Darum auch die Gegnerschaft der Domina des Klosters in Arendsee und des hartgläubigen Pfarrers Roggenstroh (vergleiche auch, was S. 28 von der Werkheiligkeit gesagt wird).
Übrigens lässt Fontane den Kurfürsten in der Unterredung mit Gigas einen seine milde Gesinnung ausdrückenden Ausspruch thun (S. 70f) in einer Weise, als citiere er dabei wörtlich den Bericht von Chronisten. Der Ausspruch ist ganz im Geiste der von Johann Sigismund bezeugten Anschauungen. Aber wörtlich überliefert finde ich ihn nirgends. Und von Chronisten dieser Zeit, die so etwas melden könnten, ist mir und nicht nur mir, auch bewährten Historikern, die ich befragt habe, nichts bekannt. Ich glaube, dass auch hier eine freie, aber berechtigte Erfindung Fontanes vorliegt.
Mit dieser innern Geschicklichkeit verbindet sich die ethische Vertiefung des Stoffes, den ins Allgemein-Menschliche erhoben und an das ewige Gesetz von Schuld und Sühne geknüpft wird. Der Dichter hat sich bemüht und es ist ihm auch gelungen, in seiner Heldin eine liebenswerte Gestalt zu schaffen, der wir unser Mitgefühl zuwenden, aber schuldlos steht sie nicht da. Gewiss, in erster Reihe ist sie ein Opfer der sie umgehenden Verhältnisse. Immer wieder betont der Dichter, dass ihr die rechte Liebe mangelte, dass man ihr kein Ilerz entgegenbrachte. „Und wo das Herz fehlt, da fehlt das Beste“ (S. 91). Aber sie hat auch ihren thätigen, verantwortlichen Anteil an dem Verhängnis, das über sie hereinbricht. Sie handelte eigennützig, als sie den im Grunde widerstrebenden Jugendgenossen zur Flucht bewog. Sie gesteht es selbst, als er auf dem Sterbebette liegt. „Ich bin schuld