Fontanes Grete Minde.
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an Deinem Elend und nun bin ich schuld an Deinem Tod . . Ich liebte Dich so sehr. Aber nicht genug, nicht genug, und es war nicht die rechte Liebe. Sonst war’es anders gekommen, alles anders“ . ...Denn sieh, ich halte nur an mich gedacht; das war es; da liegt meine Schuld (S. 116 f.).
Fontane hat also — das haben wir gesehen — die äussere geschichtliche Wahrheit absichtlich verletzt und sich an das Dichterwort gehalten: „Genug, den Poeten bindet keine Zeit“, dafür aber die innere, den Zeitgeist meisterhaft getroffen und dabei zugleich das Zeitlose, das ewig Geltende im Auge behalten. Sollte er nicht aber seinen Sinn auch auf das gerichtet haben, was man Zeitcolorit nennt, er, der wenige Jahre nach der „Gi’ete Minde“ im „Schach von Wuthenow“ ein unvergleichliches Muster eines Zeitgemäldes schuf? In der That war er auch darauf bedacht. Zunächst nach der sprachlichen Seite hin, indem er, was die citierten Stellen schon erkennen liessen, eine leise archaisierende Diktion verwendet. Ich muss freilich gestehn, dass mir persönlich diese altertümliche Färbung nicht zusagt, dass ich den Dichter hier nicht glücklich finde. Das Altertümeln besteht im wesentlichen in der Syncope und Apocope von Flexionssilben, in der Anwendung des unflektierten Adjektivs. Also Fontane sagt zuweilen fein’s für feines (S. 54), ein hässlich Kind (ebenda), lleimstätt’, Sitt’, Sach’, bitt’, mein’ Nacht usw. Und diese Verstümmlungen sind nicht etwa bloss Elisionen, d. h. stehen vor Vokalen, sondern finden sich vor Konsonanten. Dass sie vor Vokalen eintreten, ist bei Fontane selbstverständlich, der auch in der Prosa stets mit eiserner Konsequenz und auf Kosten des Üblichen den Hiatus meidet. Hin und wieder findet sich eine künstliche Form wie „wiewohlen“, obwohlen“ für „wiewohl“, „obwohl“ (S. 22), allemalen (S. 81) und andere. Einmal in der Ankündigung des Puppenspiels ist die Sprache des 17. Jahrhunderts und besonders die eigentümlich pomphafte Ausdrucksw’eise derartiger Mitteilungen glücklich getroffen (S. 310).
Ausser durch die Sprache wird der Charakter der Zeit durch Beschreibung von Trachten (Kostüm der Frauen (S. 70), Trauerkostüm (S. 46), Kadkrause des Predigers (S. 47), bezeichnender Sitten und Gebräuche (Thymianbusch an der Decke des Zimmers (S. 73), durch Angabe beliebter Speisen und Getränke (S. 132 Ulmer und Basler Lebkuchen, Deckelphiole mit Syrakuser Wein) angedeutet.
Sehr bemüht ist Fontane um das Lokalkolorit. Die Burg von Tangermünde, das Wahrzeichen der Stadt, die Karl IV. ausbauen liess, auf der ein branden!»urgischer Kurfürst geboren wurde, wird zum Schauplatz wichtiger Scenen. Mit historischen Reminiszenzen, die sich an die Stadt oder Umgegend knüpfen, wird nicht gespart. Auf die grosse Schlacht an der Tanger zwischen Deutschen und Slawen i. J. 983 wird angespielt. Von dem Schatz in der Tangermünder Kirche, mit dem der verabschiedete Kanzler v. Buch seinen gefangenen Kurfürsten Otto IV mit dem Pfeil