40 8
Fontanes Grete Minde.
löste, ist die Rede (S. 78 f.). Wie kunstvoll die Sage von der Jungfrau Lorenz benutzt wird, haben wir vorher gesehen (oben S. 4(Xt). Auch auf eine Stendalsche von einer eingemauerten Nonne (deren Existenz ich jedoch nicht festzustelleu vermag und nicht bei Weiss (Die Sagen der Stadt Stendal) noch bei Temme (Die Volkssagen der Altmark) finde), beruft sich Grete einmal (S. 60), wie auch vom Stendalschen Roland die Hede ist (S. 22). Die typische Erscheinung, dass Nachbarstädte in einem Neck- und Spottverhältnis zu einander stehn, hat sicli der Dichter mit Glück zu Nutze gemacht. So sagt Regine einmal verächtlich: ’s war eine Stendalsche, weiter nichts (S. 22), während den Gardelegern eine vornehme Art zugeschrieben wird. Es giebt eine alte Charakterschilderung der sieben altmärkischen Städte in niederdeutscher Mundart:
Die Stendalschen drinken gerne Wien.
De Gardeleger wtilln Junker sien.
De Tangennündschen hebben Moth.
De Soltwedler hebben dat Goth u. s. w.
Diese Verse verwendet Fontane ebenfalls in freier Weise (S. 112). Er könnte sie aus Temmes Sagen der Altmark (S. 51) geschöpft haben. Allein ich fand sie auch ohne jede Quellenangabe in der Zeitschrift „Der Bär“, Jahrg. 1879 (S. 92) citiert. Es ist sehr wohl möglich, dass gerade zu der Zeit, da Fontane mit der Dichtung beschäftigt war, sie ihm an dieser Stelle vor Augen kamen und er dadurch angeregt wurde, von ihnen für sein Werk Gebrauch zu machen.
Eine poetische Lizenz gestattet er sich auch hier beim Ileraus- arbeiten des Lokalen. Er erzählt, wie Grete Minde, als sie vom Bruder abgewiesen aufs Rathaus geht, ihr Recht zu fordern, an der Rückwand des Hauses den schönen Spruch liest:
Hastu Gewalt, so richte recht. ■ i Gott ist dein Herr und du sein Knecht.
Verlass dich nicht auf dein Gewalt,
Dein Leben ist hier bald gezahlt.
Wie Du zuvor hast 'richtet mich,
Also wird Gott auch richten dich;
Hier hastu gerichtet nur kleine Zeit,
Dort wirstu gerichtet in Ewigkeit.
Er verwertet die Verse dann noch weiterhin. Nun sind sie aber nicht im Tangermünder Rathaus zu lesen, sondern sie befanden sich auf einer Tafel, die vor der Ratsstube in Stendal hing. (Bekmann V. Teil, 1. Buch, 2. Kap., Sp. 143. Götze, Urkundliche Geschichte der Stadt Stendal, Stendal 1873, S. 8).
Ich habe vom Standpunkt, den Fontane bei der Gestaltung des Stoffes gegenüber der Überlieferung einnahm, von der Art und dem Wesen der Dichtung, ihrem Charakter ein Bild zu geben versucht, und