Fontanes Grete Minde. 4()9
möchte ztun Schluss auf den Stil himveisen, den der Dichter im ganzen für sein Werk gewählt hat.
Man hört wohl sagen: Fontane sei in seinen Schöpfungen immer derselbe, seine so persönliche Eigenart kehre immer wieder und gebe allen seinen Dichtungen dasselbe Gepräge. Wäre das wahr, so wäre er nicht der grosso Künstler, den wir in ihm nicht minder verehren als den trefflichen Humoristen, den geistvollen Plauderer, den tiefsinnigen Menschenkenner und weisen Beobachter des Weltlaufs. Wie jeder bildende Künstler seine Manier hat, auch der grösste, wie wir Botticelli und Michel Angelo, Raphael und Rubens in allen ihren Werken wiedererkennen, so hat auch jeder Dichter seinen Ton, auch der grösste: Shakespeare so gut wie Goethe, Lessing so gut wie Schiller. Und so hat auch Fontane seine bestimmte, persönliche Note. Allein es gehört zu den elementarsten Forderungen der Kunst, den Stil eines Werkes dem Stoff anzupassen. Ja, man kann sagen: bei einem wirklichen Dichter bringt jeder Stoff seine eigene Form mit sich. Wer alle Vorwürfe gleichmässig behandelt, ist ein Stümper. Und so hat denn auch Fontane in der „Grete Minde“ die Darstellungsart mit tiefer Weisheit und echtem Kunstverstand dem Charakter des Stoffes entsprechend gewählt. Er, der treffliche Kenner der englischen, nordischen und deutschen Volksballaden hat sichtlich deren Stil zum Vorbild genommen, jenen Stil, bei dem die Poesie nicht zu ruhiger Entfaltung und gleichförmigem epischen Fortschreiten gelangt, sondern, wie Wilhelm Grimm schön sagt (Deutsche Heldensage S. 365), auf einem in der Höhe genommenen Standpunkt ruht, wo das Auge, über die Ebenen wegschauend, nur auf vorragenden Gipfeln verweilt. Fontane selbst hat für diesen Stil die Bezeichnung „balhulesk“ geprägt. Er, der in seinen das moderne Leben widerspiegelnden Romanen, wie auch in „Vor dem Sturm“ zur behaglichsten Breite auslädt, ist in der „Grete Minde“ lakonisch. Nur die hervorspringenden Momente der Handlung giebt er. Wir erfahren beispielsweise, dass Grete mit Valtin flieht, aber welchen Eindruck das auf die Nächsten macht, auf Gretes Bruder und Schwägerin, aufValtins Eltern, davon hören wir nichts. Erst drei Jahre später finden wir das Paar wieder. Und da sind der alte Zernitz und Emrentz, Regine und der Prediger Gigas vom Schauplatz verschwunden. Und mancher könnte fragen, warum die überall abgewiesene Grete nicht zu ihrem alten Gönner und Beschützer ihre Zuflucht nimmt? Die Antwort darauf würde lauten, dass — vorausgesetzt dass Gigas noch am Leben ist — wohl Scham und ihr Schuldbewusstsein sie hindern, ihren einstigen geistlichen Berater aufzusuchen.
Dass Fontane diesen rhapsodischen Stil wählte, mag er sich nun mit klarem Bewusstsein Rechenschaft darüber abgelegt haben oder mag es mehr instinktiv geschehen sein, die Wahl ist ein Ausfluss seines