Heft 
(1900) 9
Seite
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Fontanes Grete Minde.

realistischen Empfindens, des Gefühls, dass man hei einem so lang zurückliegenden Ereignis das Einzelne nicht mehr wissen könne und sich begnügen müsse, die llauptmomente, wie sie etwa in der Er­innerung des Volkes haften geblieben wären, herauszuheben. Die histo­rischen Romane, in denen auch das Unbedeutende haarklein geschildert, das, was wir nicht mehr wissen können, mit peinlicher Sorgfalt ver­zeichnet wird, gegen die musste sich seine gesunde Anschauung sträuben.

Dieser volksmässige Stil hat Fontane auch veranlasst, so reichlich Volkslieder und Volksreime in die Dichtung einzustreuen. (S. 34. 57. 64. 115), hat ihn bestimmt ein Volksfest zu schildern und Sagen und Märchen zu verwenden. Vielsagend wird gleich im Beginn auf das vom Machandelboom angespielt (S. 298).

Aus dieser Darstellungsform zieht auch die Behandlung des Stoffes Gewinn, indem er dadurch etwas Schattenhaftes, fast Gespenstisches er­hält. Besonders am Schluss wird das Grausige durch sie diskret ge­mildert und der Dichter gewinnt die Möglichkeit das Furchtbare siinftigend zu verklären. Und noch einen Vorteil bot ihm die Anwendung dieser Methode. Wovon Gebrauch zu machen der rein realistische Stil ihm verboten hätte, das gestattet ihm der volksmässige, nämlich jene dritte Welt zu streifen, die die Poesie zur Anschauung zu bringen vermag, die Welt der Ahnungen und Träume. Kühn greift er ins Gebiet ge­heimnisvoller Mystik. El»en hat man Gretes Vater ins Grab gesenkt. Die ihm das letzte Geleit gaben, haben den Kirchhof verlassen. Sie ist allein zurückgeblieben und sitzt auf der Bahre. Eine trübe, ahnungs­volle Stimmung ergreift sie. Sie will beten, aber sie kann nicht . . . . Plötzlich sieht sie auf, und gewahrt, dass das Abendrot in den hohen Chorfenstern steht und dass alles um sie her wie in lichtem Feuer glüht: die Pfeiler, die Bilder, die hochaufgemauerten Grabsteine. Da ist ihr, als stehe die Kirche rings in Flammen und von rasender Angst erfasst, flieht sie (S. 49) .... Jahre sind seitdem vergangen. Grete hat eben das Zimmer des Klosters Arendsee verlassen, in dem sie die 95 jährige Domina empfangen und ihr versprochen hat, ihrem Valtin ein ehrliches Begräbnis zu gewähren. Die Domina und ihre Vertraute sind allein. Die Domina sagt:Unglücklich Kind. Sie hat das Zeichen.Nicht doch; sie hat schwarze Augen. Und die hab ich auch, entgegnet Ilse von Schulenburg.Ja, Ilse. Aber Deine lachen und ihre brennen.Du siehst zu viel, Doinina.Und Du zu wenig. Alte Augen sehn am besten im Dunklen. Und das Dunkelste ist die Zukunft. Drei Tage später kommt ein Bote des Landeshauptmanns, um vom Kloster für das brennende Tangermünde Hilfe zu erbitten. Die Domina fragt nach seinem Begehr.Gute Nachricht?Nein, böse. Tangermünde liegt in Asche. Und Grete?Mit unter den Trümmern.Armes Kind .... Ist heute der dritte Tag .... Ich wusst es . . . .