Heft 
(1900) 9
Seite
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Kleinere Mitteilungen.

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So hat ein märkischer Dichter einen heimatlichen Stoff gestaltet. Frei und souverän schaltete er mit dem Rechte des Genius mit der Über­lieferung, nicht anders wie siebzig Jahre vor ihm Heinrich von Kleist imMichael Kohlhas oder bei der Dramatisierung der Geschichte des Prinzen von Homburg verfuhr. Und ist auch seine Dichtung keine diesem unvergleichlichen Drama, dieser grössten poetischen Schöpfung der. Mark ebenbürtige That, so schuf er doch ein Werk voll echter Poesie und von jener Tragik, die den Menschen erhebt, wenn sie den Menschen zermalmt.

Kleinere Mitteilungen.

Oderberg in der Mark vor 50 Jahren und heute, Anfangs derfünfziger Jahre, als Oderberg noch ca. 1800 Einwohner zählte, wo das Wasser der neuen Oder von Stützkow, Stolpe und Iloliensaatnen herauf noch freien Spielraum hatte und die Fischer noch mit dem grossen Garnnetz auf den Oderberger Seen fischen konnten, waren bei eingetroffenem Hochwasser im Frühjahr die Fischer infolge Sturmes oft genötigt, ihre Kähne an irgend einem Obstbaum in den Gärten zwischen Oderberg und Hohensaathen festzulegen. Nach solchem nächtlichen Sturm hörte man am andern Morgen sehr häufig, dass mehrere Kähne mit Ladung untergegangen und Schiffer dabei ertrunken seien. Der Schifferkirchhof, zwischen Oderberg und Hohensaathen belegen, legte davon Zeugnis ab.

Der Ackerbürger, welcher im Bruch seine Wiesen hatte, musste sein Heu, falls er es nicht auf die Höhe bringen wollte, auf Pfählen, gewöhnlich in Manneshöhe, um eine Stange in Haufen bringen, um es nicht vom Wasser beschädigen zu lassen. Der Preis des Heues wurde damals nach Schätzung des Haufens gehandelt und betrug nach heutigem Gelde und Gewicht pro 50 Kilo 75 bis 160 Pfg. Der Personen- und Wagenverkehr wurde bei Hoch­wasser nach Neuenhagen und Freienwalde täglich 12 Mal per Fähre bis Neuenhagener Büchten aufrecht erhalten. Den Kaufmanns-Güterverkehr unter­hielt in der Regel das Einspänner-Fuhrwerk des Engros-Lumpenhändlers Gutherz vom Bahnhof Neustadt nach Oderberg. Das Fuhrwerk fuhr wöchent­lich 12 Mal mit Lumpen nach Neustadt und brachte die Waren spät abends mit. Es war lustig mit anzusehen, als der Fuhrmann die Bärme zum Pffngstkuchen vergessen hatte. Der damalige Kaufmann Hülfer sandte des­wegen andern Tages nach Neustadt einen Boten, welcher dann am hohen Nachmittag des letzten Tages vor dem heiligen Abend damit ankam. Wohl ein paar Dutzend Frauen hatten sich vor dem Hülferschen Laden aufgestellt und lauerten auf den Boten. Diese mussten sich von Vorübergehenden manche Utzerei gefallen lassen, die auch sogleich erwidert wurde. Natürlich war die Bärme, als sie ankam, im Nu vergriffen.