Heft 
(1900) 9
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14. (<1. ordentliche) Versammlung des IX. Vereinsjahres.

gesetzt waren. Keine einzige Ansichtskarte hatten nur 90 von den 13 200 deutschen Postorten aufzuweisen.

Für 1900 dürfte die Schätzung der im Rcichspostgebiet eingelieferten Ansichtskarten auf etwa 300 Millionen Stück sich von der Wirklichkeit nicht allzu weit entfernen.

c) Ein Album für verbotene Ansichtskarten. Die immer zunehmende Liebhaberei für Ansichtskarten hat bei dem grossen Wett­bewerb auf diesem Gebiet auch zu Ausschreitungen geführt, die die Gerichte beschäftigen. Ansichtskarten mit politischen Karrikaturen und gefährlichen, sogar unflätigen Versen sowie Photographieen und Zeichnungen schmutzigen Charakters verfielen dem Staatsanwalt, und die verbotenen Ansichtskarten erreichten bereits eine solche Zahl, dass der Pressreferent des Wiener Landes­gerichts, Landesgerichtsrat Dr. Wach, sich veranlasst sah, ein Album für verbotene Ansichtskarten anzulegen. Es umfasst bereits über 200 Stück und wird noch durch die in anderen Kronländem verbotenen Ansichtskarten vermehrt werden. Von diesem Album sollen photographische Nachbildungen veranstaltet und allen Staatsanwaltschaften sowie den Polizeidirektionen des österreichischen Reiches übermittelt werden, damit auch diesen eine Kontrolle über die verbotenen Karten möglich ist. Die genannten Aemter werden hierdurch in den Besitz von Ansichtskarten-Albums gelangen, die für jeden anderen Sammler unzugänglich sind.

d) Goethe und die Ansichtskarten. Den meisten Sammlern dürfte es unbekannt sein, dass Goethe die Ansichtskarte bereits gekannt hat. In den von Julius Frese herausgegebenen Briefen Goethes an Fritz Schlosser finden sich folgende aus dem Jahre 1830 herrührende Zeilen:Es war wirklich, teuerster Herr und Freund, ein sehr glücklicher Gedanke, durch einen geschickten Künstler Ihre ernst-heitere Wohnung und die unschätzbare Gegend abbilden und vervielfältigen zu lassen; es kann uns nichts Freudigeres und mehr Ermunterndes begegnen, als wenn wir zugleich mit guten und herzlichen Worten auch ein vorzügliches Lokal erblicken, wo Sie behaglich verweilen, wo Sie an uns denken, von woher Sie Ihre Schreiben an uns richten. Es entsteht daraus eine gewisse Unmittelbarkeit des Zu­sammenseins, welche höchst reizend ist. Schlosser hatte dem Dichter eine Abbildung seines Landsitzes, Stift Neuburg bei Heidelberg, zu­gesandt.

B. 1. Herr Kustos Buchholz bespricht die Jubiläumsschrift der Bank des Berliner Kassen-Vereins. Bei den grösseren Ber­liner Geschäftsfirmen ist es in den letzten Jahren eine löbliche Gewohn­heit geworden, gewisse grössere Zeitabschnitte ihres Bestehens durch Herausgabe einer, in der Regel vornehm ausgestatteten Jubiläumsfest­schrift zu markieren. Wenn diese Schriften auch in der Hauptsache die Begründung und Entwicklung des betreffenden geschäftlichen Unter­nehmens behandeln, so knüpft sich doch an den Inhalt in der Regel auch ein lokalgeschichtliches Interesse, indem manche die Vergangenheit berührende Einzelheiten angeführt werden, die der Forschung neues