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Die Territorial-Kntwiekelung der Mark Hriindenburtf.
und die uns sonst feindlich gesinnte süddeutsche Presse verlangte laut und stürmisch die Einigung der Nation. Ich erinnere mich, dass eine der Frankfurter Zeitungen, anknüpfend an die Rede, die der König in Erfurt gehalten, und wobei er gesagt hatte: er sei nicht der erste, sondern nur der zweite Fürst in Deutschland, der Vorantritt gebühre dem Hause Habsburg! dem Könige zurief:
»Sei der erste Fürst in Deutschland, sprich es aus, Du darfst es sprechen,
Denn Dein Volk, das Volk in Waffen, freiheitsstark und geistesmündig,
Ist zum ersten Volk geschaffen.
Jener königliche Kurfürst, liess Dir nicht umsonst das Schwerste,
Darum sprich es aus, o König, sprich es aus und sei der Erste!
Er aber sprach es nicht aus. Er wollte die Krone nicht nur vom deutschen Volke annehmen, sondern die deutschen Fürsten sollten ihn zum Kaiser küren. Die deutschen Fürsten der damaligen Zeit dachten aber nicht daran ihn zu küren, sie bildeten vielmehr eine Koalition gegen Preussen, die nach dem Tode des Königs, 1861, sich noch mehr verschärfte und die dann 5 Jahre später von seinem Bruder und Nachfolger, König Wilhelm — glorreichen Andenkens — mit dem Schwerte zerhauen werden musste. Die Folge hiervon war zwar die Bildung des Norddeutschen Bundes, man hatte, wie man sich damals ausdrückte, damit die Brücke über den Main geschlagen, es lag aber darin auch die mittelbare Ursache, dass uns Frankreich 4 Jahre später den Krieg erklärte. Das deutsche Volk, nahm ein
mütig, in nationaler Begeisterung, den ihm hingeworfenen Fehdehandschuh auf, die deutschen Heere rückten in Feindesland ein, sie erfochten Sieg auf Sieg, man kann von ihnen auch sagen: es waren Siege ohne Gleichen; und als des Feindes Hauptstadt eingeschlossen war, und der grosse Krieg sich seinem Ende näherte, da fanden sich die deutschen Fürsten veranlasst — einzelne wurden, wie wir wissen, veranlasst — unsren rühm- und siegreichen und alle Zeit maassvollen König Wilhelm zum Kaiser zu küren. Und damit ward die Sehnsucht erfüllt, die der denkende Teil der deutschen Nation über ein Menschenalter hindurch im Herzen getragen hatte; und auch die alten Gauen, Elsass-Lothringen, die dem Reiche seit 200 Jahren verloren gegangen waren, „banden stolz wir wieder an unser neu geeintes deutsches Reich!“
Über diese grosse Zeit ist nun bald wieder ein Vierteljahrhundert hinweggegangen und man hört heute wieder Stimmen, welche vermeinen, mit der deutschen Einheit sei es nicht weit her, es gehe ein Riss durch die Nation; und wenn wir nur die neuesten Ereignisse ins Auge fassen, daun möchte dies fast so scheinen. Aber über dem Einzelnen und über der Partei steht das Vaterland; hoffen wir also, dass das deutsche Denken und Empfinden, der Sinn für die nationale Zusammengehörig-