Heft 
(1896) 4
Seite
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Carl Bolle, Wendische Dämonen.

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Aber für den Wenden von altem Schrot und Korn, für den Wenden wie Kito Pank einer war, ist der Wichar ein unsichtbarer Geist. Der Schreck vor ihm ist schon schlimm. Deshalb soll man von ihm abgerissene Zacken auflesen und damit räuchern, überhaupt mit allem was ein solcher Wind fortträgt: Getreide, Heu u. dgl. Auch dieses zu kochen und sich damit zu waschen, ist gut für den Schreck, wie denn dem gleichen Zweck auch gewisse Kräuter allgemein dienen. Der Wichar kann Menschen mit sich durch die Luft führen, auch sie durch sein blosses Anblasen zeitlebens krumm und lahm machen. Man soll nicht im Kahn stehen bleiben, wenn er weht der Wende rudert nicht sitzend, sondern stehend wie der Venetianer sondern sich platt auf den Boden desselben niederwerfen, dann thut er nichts zu Leide. Wer durch einen hohlen Hemdsärmel nach ihm blickt, kann ihn leibhaftig erschauen, gewöhnlich als grossen grauen Kater. Man muss sich sehr hüten nach dem Wichar mit Stangen zu schlagen oder mit Messern zu werfen, wenn er Unheil anrichtet. Zu einem, der letzteres gethan, kam später mal ein graues Männlein, zeigte ihm die Narbe einer Stirnwunde und warnte ihn, bei Gefahr seines Lebens, solches nicht wieder zu thun.

Erinnert das nicht fast an jene Gnomenerscheinung auf dem schönsten Wasserbecken der Berliner Gemarkung, dem Tegeler See, von der mir erst ganz neuerdings Kunde ward. Fremde Menschen waren gekommen, die Da erhob sich urplötzlich Wassertiefe mit Senkblei und Leine zu messen.

ein Wirbelwind; ein graues Männlein erschien und rief unter Todes­androhung:

Wollt ihr unse Welt meten,

Sollt ihr eure Welt bald vergeten.

Wie gut haben doch manche ursprünglich slavische Dämonen platt­deutsch reden gelernt!

Nocny Jagar und Nocny Forman sind gleichfalls atmospährische Phantasiegebilde. Ersterer, unserem Nachtjäger buchstäblich entsprechend, ist dies in ausgeprägtester Weise. Man hat zu seiner Erklärung den Uhu und die hochfliegenden Wildgänse herangezogen, ohne der Erscheinung da­durch viel näher gekommen zu sein. Der Nachtjäger gleicht in seiner wendischen Inkarnation der bekannten germanischen Mythenfigur so sehr, dass ich nicht widerstreben würde, in ihm nur einen die Lüfte durch­tummelnden ci- devant Wodan zu erkennen.

Origineller ist der Nachtfuhrmann, dessen Gefährt man, ungewiss ob unten oder oben, durch die Wälder rumpeln hört. Es gehört etwas dia­gnostischer Takt dazu, ihn deutlich vom Nachtjäger zu unterscheiden, doch ist das von ihm herrührende Geräusch ein ganz anderes; auch wirft er niemals Hirsch- oder Pferdekeulen durch die Fenster; hingegen hat er oft schon Frauen, die vom Markte kommend, vor ihm davon liefen, durch den Verlust ihrer Töpfe, die ihnen dabei aus der Kiepe fielen, arg geschädigt. Im Grunde weiss man wenig von ihm, aber er interessiert dadurch, dass er dicht vor Berlins Thoren den Grunewald durchspukt. Er hat durchaus nicht den Ruf jemand etwas zu Leide zu thun, wenn er schwarz verhüllt in seinem gespenstigen, von zwei Rappen gezogenen Wagen, etwa beim Spandower