Heft 
(1896) 4
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10. (8. atisserord.) Versammlung des 10. Vereinsjahres.

hause immer lebhafter und berechtigter geworden, nahm die Mutter­gemeinde und ausserdem ein besonderer Kirchbau-Ausschuss die Sache in die Hand. Da dem Wunsche, die Kirche innerhalb des Parkes von Bellevue nach der Kirchstrasse zu errichtet zu sehen, die Genehmigung versagt worden war, wurde unter Zustimmung des Kronprinzen, späteren Kaiser Friedrich, eine Wiese im Tiergarten nahe dem fiskalischen Eta­blissement Charlottenhof an der Haendelstrasse gegenüber der Lessing­strasse als Baustelle ausgewählt und dem Tiergartenfiskus aus Kirchen­baufonds hierfür mit Genehmigung des Kaisers 200 000 Mark gezahlt. Die Muttergemeinde bewilligte 300 000 Mark für den Bau, während der Kirchenbau-Ausschuss mit ausserordentlicher Rührigkeit Geldbeiträge sammelte und, wie wir weiterhin sehen werden, in fast beispiellos reicher Weise binnen kurzer Frist für die Stiftung unbeweglicher und beweg­licher Teile der Kirche beziehentlich ihrer Ausstattung sorgte. Es verdient dies umsomehr Anerkennung, als zu derselben Zeit alle Mittel angespannt wurden, um den Bau der grösseren und weit kostspieligeren Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche zu fördern und hinter dieser Aktion, auf ausdrücklichen Wunsch, längere Zeit die Thätigkeit des Ausschusses für die Kaiser Friedrich-Gedächtniskirche zurückstehen musste. Der Entwurf des Kirchbaus rührt von der bewährten Meisterhand des Pro­fessors Vollmer her, die Ausführung leitete der Baumeister Leibnitz mit grosser Hingebung.

Die feierliche Grundsteinlegung fand am 18. Oktober 1892 in Gegenwart des Kaisers und der Prinzessin Friedrich Leopold in Ver­tretung. der Kaiserin statt. Letztere übernahm das Protektorat des Baus. Der erste Prediger der Dorotheenstädtischen Kirche, Stechow, welcher für das Zustandekommen des neuen Gotteshauses in Gemeinschaft mit dem Prediger Hagenau unermüdlich thätig gewesen, hat die Einweihung nicht mehr erlebt, indem er bereits am 19. April d. J. verstarb.

Die wegen des schlechten Baugrundes*) und des hohen Grund- wasserstandes recht schwierige Fundierung wurde als Kasten-Fundierung ausgeführt und noch im Jahre 1893 vollendet; das aufgehende Mauerwerk wurde im April 1894 begonnen und so gefördert, dass bereits am 18. Oktober desselben Jahres bei Gelegenheit der Aufbringung des grossen vergoldeten Turmkreuzes das Richtfest gefeiert werden konnte. Ueber einen merkwürdigen Vorfall während der vom Prediger Stechow geleiteten Richtfeier wird der Patronatsvertreter E. Friedel unmittelbar im Anschluss an dieses Sitzungs­protokoll Bericht abstatten. Sämtliche Gewölbe und der ganze

*) In den achtziger Jahren habe ich selbst gesehen, dass die Wiese, auf welcher die Kirche steht, mit Wasser bedeckt war, auf welchem sich einige von den im Tier­garten häufigen wilden Enten tummelten. E. Friedel.