3. (1. Arbeits-) Sitzung des VI. Vereins] ahres.
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kalischen Generalprobe am. Sonnabend, sowie der dabei stattfindenden Probe des eigens zum Fest doppelt eingebrauten Kontoreibieres,*) zu dessen 'Beschaffung der Magistrat einen Zuschuss von 45 Mark leistet, findet am Sonntag vormittags gemeinsamer Kirchgang und kirchliche Feier statt, abends Konzert im Kathaussaale. Am Montag früh ist im Rathause gemeinsames „Warmhiertriuken“ unter Genuss von „Kantoreibretzeln“; darauf in der Schule die sogenannte „Morgeusprache“, abgehalten vom Oberpfarrer, in welcher auch die feierliche Aufnahme und Verpflichtung der neukonfirmierten Mitglieder der Gesellschaft vollzogen .vird. Hierbei wird stets eine alte Arie gesungen, welche sich noch als Choral im neuen Dresdener Gesangbuch linden soll: „Gott ruft der '"onn’ und schafft den Mond, das Jahr danach zu teilen.“ Nach Schluss der Morgensprache erfolgt unter den Klängen der Kantoreifanfare ein Festzug nach dem Ratbause, bei dessen Annäherung auf dem Marktplatze die aus der Kirche geholten Kesselpauken zur Begriissung geschlagen werden. Es folgen gemeinsame Festtafel im Rathause, bei welcher stets Karpfen gegessen werden muss, nachmittags Kaffeebesuche von Haus zu Haus, besonders bei den neueingetretenen erwachsenen Mitgliedern, deren Aufnahme immer am Quartale Oculi stattfindet, abends Konzert und Unterhaltungsspiele. Der Dienstag uud der Mittwoch verlaufen in ähnlicher Weise; auch dem Tanz und Kartenspiel**) wird an den Abenden lleissig obgelegen. Bei sämtlichen Festessen, sowie an den Festabenden werden über 100 Jahr alte Arien gesungen von vergilbten Notenblättern, welche desselben Alters sich rühmen können, z. B. nach einer Mozart’schen Melodie: „Des Lebens Freuden zu geniesseil bedarf man grosser Schätze nicht“, „Freundschaft glüh’ in jeder Brust“, „Freunde lasst den Frohsinn walten“ u. a. Es sind noch etwa 200 Stück dieser Arien vorhanden, deren Text zumeist noch in altertümlichen Deutsch geschrieben ist.***) —
Bis vor wenigen Jahren sang die Kantorei auch noch am Sylvesterabend um 11 Uhr auf dem Marktplatze vor dem Rathause das Lied von Heinrich Voss: „Des Jahres letzte Stunde ertönt mit ernstem Schlag“ und den Choral: „Nun danket alle Gott!“.
Die Kirchhainer Kantorei erfreut sich so grosser Beliebtheit, dass selbst ausserhalb wohnende Verwandte und Bekannte ihrer Mitglieder ihre Besuche in Kirchhain gern in die Zeit der Kantoreitage verlegen.
Ähnliche Kantoreigesellschaften bestehen noch in einigen Nachbarstädten, als Dobrilugk, Finsterwalde u. a., dürften sich aber an Alter des Bestehens und Grossartigkeit ihrer Feste mit der Kirchhainer kaum
*) 12 bis 15 Tonnen werden jetzt in den Kantoreitagen verbraucht.
**) „Tippen“ (Dreiblatt), „Schafkopf“, neuerdings auch „Skat“.
***) Diese Liedertexte sollen auch zum grösseren Teil in Freimaurerkreisen verbreitet sein.