Heft 
(1897) 6
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Altberlinische Stätten.

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Iliren Namen leitete sie von der Stechbahn her, die Kurfürst Joachim II. 1537 zur Aufführung eines Kitterspiels gelegentlich der Geburt seiner ältesten Tochter hatte errichten lassen, und die dann Joachim Friedrich im Jahre 1600 restaurieren und mit 31 Figuren schmücken liess. Nach und nach entstand darin eine ganze Budenreihe mit Verkaufsgegenständen aller Art, bis der Grosse Kurfürst den Abbruch der Buden anbefahl, und dafür eine dorische Bogenlaube mit steinernen Kaufläden durch Nering erbauen liess. Bei dem weiteren Ausbau des Schlosses erfolgte dann bereits 1702 der Abbruch auch dieser Laube, während die Kaufläden in dieNeue Stechbahn verlegt wurden.

Diese war auf Befehl König Friedrichs I. auf dem einst zum Palais des Statthalters v. Schwarzenberg gehörigen Garten am Mühlengraben, nach de Bodts Entwurf, erbaut worden. Im Erd­geschoss bildete sie eine offene Bogenlaube mit Verkaufsläden, über denen sich zwei mit jonischen Wandpfeilern verzierte Wohngeschosse erhoben. Eine hölzerne Pfahlreihe vor dem Gebäude diente zum Schutz gegen das Befahren der unterkellerten Räume. Hier standen seit 1742 die ersten 15 Fiaker oder Mietskutschen,vom frühen Morgen bis spät auf den Abend zur Bequemlichkeit des Publikums. Für eine Fahrt innerhalb der Stadt wurden 4 gGr., für eine solche in die Vorstädte vor dem Königs-, Spandauer und Stralauer Thor bis an jedes Haus innerhalb der Landwehren 5 Gr. Fuhr eine Gesellschaft von 2 bis 4 Personen zusammen in dem Fiaker, so hatte sie für eine Fahrt nicht mehr als eine Person allein zu zahlen.

Erwähnt sei noch, dass die Kaufleute und Makler zur Abschliessung von Wechsel- und Handelsgeschäften täglich gegen 12 Uhr unter der Bogenlaube der Stechbahn seit 1761 ihre Versammlungen abhielten.

Hier befand sich in einem der Läden (No. 5) die Buchhandlung des Kommerzienrats Matzdorff,*) des Verlegers mehrerer der ersten Werke Jean Pauls (Friedrich Richter), welcher während seines denkwürdigen ersten Aufenthalts in Berlin bei ihm wohnte. Im Jahre 1792 hatte Jean Paul das Manuskript zurUnsichtbaren Loge dem ebenso originellen wie geistvollen Professor Moritz übersandt. Dieser erkannte sofort das Genie des einsamen, darbenden Dichters im Fichtel­gebirge, welcher später als ITauptvertreter des deutschen Humors eine so eigentümliche und denkwürdige Stelle in unserer Litteratur ein­nehmen sollte.Wie heissen Sie? Wer sind Sie? Wo wohnen Sie? Und wenn Sie am Ende der Erde wären, und müsste ich hundert Stürme aushalten, um zu Ihnen zu kommen, so fliege ich in Ihre Anne.

) Er war der Urgrossvater unseres Vereinsmitvliedes, des Oberlehrers Dr. Matzdorff.