Heft 
(1897) 6
Seite
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Altberlinische Stätten.

Der Ton bei der Hoftafel war leicht und gut, und hei Alvensleben sprach inan so frei wie auf diesem Blatt. Nur in Berlin ist Freiheit und Gesetz, bei Gott!

In einem andern Briefe an Gleim heisst es:Noch immer lebich in diesem architektonischen Universum, das mich so einnimmt, dass ich es vielleicht im Winter beziehen werde*) . . . Ich sprach und ass in Sanscouci mit der gekrönten Aphrodite, deren Sprache und Umgang so reizend ist, als ihre edle Musengestalt . . . Sie nahm meine Dedikation desTitan und den Brief dabei mit vieler Freude auf . . .

Schon am nächsten Tage (29. Mai) schrieb ihm die Königin:Ich habe Ihren Titan erhalten und daraus mit Vergnügen ersehen, dass Sie noch immer fortfahren, Ihre Zeitgenossen mit Wahrheiten zu unterhalten, die in dem Gewände romantischer Dichtkunst, mit welchem Sie sie zu bekleiden wissen, ihre Wirkung gewiss nicht verfehlen werden. Ihr Zweck, die Menschheit von mancher trüben Wolke zu befreien, ist zu schön, als dass Sie ihn nicht erreichen sollten, und es wird mir daher auch eine Freude sein, Sie während ihres Hierseins zu sehen und Thnen zu zeigen, wie sehr ich bin Ihre wohlaffectionirte Louise.

Zur damaligen Zeit und bereits im Jahre 1788, in welchem Berlin 96 Freihäuser mit einer Versicherungssumme von 889 8ö0 Ilthlrn. zählte, war die Stechbahn in sechs Freihäuser eingeteilt, von denen Matzdoff dasjenige No. 5 im Werte von 6500 Rthlrn. besass. Nach seinem Tode etablierte hier der Sohn ein Lotterie-Comtoir, das dann auf den Vater unseres Vereinsmitgliedes überging.

Ein anderes weitbekanntes Etablissement Unter der Stechbahn war in den dreissiger Jahren das der Firma Josty & Co., woselbst der Gastronom mit grossem Wohlbehagen dieOriginal-Clmkolade schlürfte, während inmitten der ersten Etage das Volpische Cafö sich befand. Von dem Balkon vor demselben bot sich ein weiter Ausblick über den Schlossplatz mit seinem mittleren Gas-Kandelaber, auf die Lange Brücke und in die belebte Königstrasse dar. Damals befanden sich unter der Stechbahn noch die Mittlersche Buchhandlung, das Militär-Effektenlager von Bock, das Bormannsche Geschäft für Maler- und Zeichnen-Uten­silien pp. und die Wechselläden von Jaquier und Se cur ins, der einzigen von jenen Firmen, die in dem heutigenKoten Schloss noch fortbesteht.

In einem dieser Geschäfte konditionierte als Kommis anfangs der zwanziger Jahre Theodor Hering, den die Erweiterung der Kunst des grossen Ludwig Devrient von seinem erwählten Lebensberuf abzog und

*) Während seines zweiten achtmonatlichen Aufenthalts hatte er sich mit der Tochter des Tribunalrats Meyer vermählt, doch blieb eine vom König erbetene Ver­sorgung ohne Erfolg.