Heft 
(1897) 6
Seite
53
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Kleine Mitteilungen.

53 So möge denn auch die Erzählung von dem angeblich aus Brandenburg ver­triebenen Juden Gebra, wenn sie auch ganz ungeschichtlich ist, in unserer Brandenburgia mitgeteilt werden, zumal sie in unserer Provinz, wie es scheint, ganz unbekannt oder übersehen worden ist.

Es wird erzählt: Vor etwa 1000 Jahren lebte in der Mitte zwischen den jetzigen Ortschaften Ober- und Nieder- Gebra in Thüringen ein Fischer, der sich kümmerlich von seinem in der Wipper betriebenen Gewerbe nährte. Daneben lieferten ihm Wald und Feld in der Nähe ihre Erzeugnisse. Aber trotz der Fruchtbarkeit hauste ausser dem Fischer keine Menschenseele in der Gegend. Da traf es sich im Jahre 911, dass ein Jude Namens Gebra aus seiner Vaterstadt Brandenburg a. d. Havel flüchten musste und nach vielen Mühsalen und Irrfahrten in das Wipperthal gelangte. Von der An­mut und Fruchtbarbeit desselben überrascht, beschloss Gebra sich hier niederzulassen und baute in geringer Entfernung von einander zwei Höfe, um welche sich später die beiden nach ihrem Erbauer Gebra genannten Dorf­schaften bildeten. Die eine Niederlassung wurde ,, Blauer Hof" genannt, das erste Haus in Nieder- Gebra, während sich um den andern Hof, wie angedeutet, allmählich Ober- Gebra ausbaute.

Ob diese Erzählung irgend einen geschichtlichen Hintergrund hat, ist schwer zu sagen. Die Jahreszahl 911 erscheint als eine sehr bedeutsame, da in diesem Jahre der letzte Karolinger Ludwig das Kind( 899-911) stirbt und Konrad I. von Franken( 911-918) zur Regierung kommt. Aber erst unter seinem Nachfolger, dem ersten sächsischen Kaiser Heinrich I.( 919-936) wird bekanntlich Brandenburg und zwar im Jahre 927*) genannt, in welchem die Deutschen zur Winterszeit die alte Wendenveste erobern, denn dass der Ort damals schon uralt war, daran zweifelt niemand. Es wäre also von Wichtig­keit, falls sich das Jahr 911 bewahrheiten liesse; ich bin dem gegenüber aber völlig ungläubig, halte die angebliche Überlieferung für eine müssige Ge­lehrten- Erfindung und muss den sächsischen bezw. thüringischen Altertums­vereinen überlassen, anzugeben, wie dieselbe entstanden ist. Dass übrigens damals und noch viel früher unter den heidnischen Slaven jüdische Händler verkehrten, habe ich an anderer Stelle ausführlich berichtet.**)

Herr Lehrer F. Krönig in Bremen, der die Gebra- Sage in ,, Aus der Heimat", den leider seit Beginn des Jahres 1897 eingegangenen Sonntags­

An

*) Vergl. O. Tschirch: Brannibor und Sgorzelica. Ein Beitrag zur Ge­schichte des Namens Brandenburg. Monatsblatt 1896/97. V. S. 276 flgd. Andere nennen 928 als das Eroberungsjahr, vergl. z. B. M. W. Heffter: Geschichtl. Nachrichten von Brandenburg und dessen Altertümern, 1840 S. 8. Brandenburg im Grossherzogtum Sachsen( Witzschel, Sagen aus Thüringen, I, 108, 110, 112) ist nicht zu denken. Die Sage von dem brandenburgischen Juden Gebra befindet sich u. A. in Fr. Krönig: Sagen aus der Grafschaft Hohenstein( 1, Wie die Gebradörfer gegründet wurden.). Abgedruckt in dem leider mit Dezember 1896 ein­gegangenen Sonntagsblatt des Nordhäuser Kourier ,, Aus der Heimat" vom 8. No­vember 1896.

**) E. Friedel: Die Hacksilberfunde. Hervorragende Kunst- und Alter­tums- Gegenstände des Märkischen Provinzial- Museums in Berlin, Berlin 1896. Verlag von Dr. E. Mertens& Cie. S. 7 und 8.