Heft 
(1897) 6
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7.( 5. ausserordl.) Versammlung des VI. Vereinsjahres.

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sich der breite steinerne Unterbau des Turmes trutzig dem Besucher entgegen und weist mit seinen schmalen Fensteröffnungen auf jene krie­gerische Zeiten zurück. Der Kirche entsprechend waren denn auch die im geschlossenen Viereck sich anreihenden Stiftsgebäude im einfachen romanischen Stil erbaut und mit starken Befestigungen umgeben.

Eine derartige Befestigung geistlicher Stifte war in jenen unruhigen Zeiten äusserst notwendig, denn nicht nur die aufständischen Wenden, auch die christlichen Feinde und Gegner des Bischofs und des Mark­grafen von Brandenburg bedrohten oftmals den stillen Bischofssitz auf dem Havelberge. Auch in späteren Jahrhunderten muss eine Befestigung der Stiftsgebäude noch notwendig gewesen sein, denn auf dem Merian­schen Stich von Havelberg von 1652 finden wir das Gebiet des Dom­hofes mit starken Mauern und von Wall und Graben umgeben.

Die stattliche Befestigung konnte es jedoch nicht hindern, dass der Dom und wohl auch die Stiftsgebäude im Jahre 1269, wie das Kopial­buch des Domkapitels von 1748 angiebt, von Feinden zerstört und durch Brand verwüstet wurden. Die Wiederherstellung der Baulichkeiten er­folgte unter Bischof Heinrich II.( 1270-90) in den nächsten Jahren und zwar in dem neuen germanischen Baustil: die alte flachgedeckte Basilika wurde in eine altgotische Hallenkirche mit Gewölbedecke verwandelt und dementsprechend auch die anliegenden Baulichkeiten, der Kreuzgang, das Refektorium und der Kapitelsaal in demselben Stile restauriert.

Eine weitere grössere Bauausführung erfolgte unter der Regierung des Bischofs Johann III.( Wöpelitz, 1385-1401), welcher auch die ganze Kirche mit prächtigen Skulpturen ausschmücken liess. Ihm verdankt der Dom die prachtvollen Chorschranken mit dem Lettner, die Wölbung der Seitenschiffe und den Umbau des hohen Chors. Die Mittel zu diesem Verschönerungsbau entnahm der Bischof den Einkünften aus dem hei­ligen Blute zu Wilsnack, von denen ein Drittel allein für die Bauten des Havelberger Domkapitels bestimmt war. Bischof Johann erlebte die Vollendung des von ihm begonnenen Werkes nicht mehr, er starb 1401 und wurde im hohen Chor bestattet. Ein prächtiger Sarkophag bezeichnet seine Ruhestätte.

Erst 1411 wurde der Umbau des Doms vollendet und von dem Nach­folger Johanns, dem Bischof Otto von Rohr, eingeweiht. Seit jener Zeit ist der Dom trotz vielfacher Verwüstungen, namentlich zu Zeiten des dreissigjährigen Krieges, im Innern und Äussern ziemlich unverändert geblieben, erst in neuerer Zeit wurde er einer gründlichen Renovation unterzogen.

Seit 1144, in welchem Jahre, wie erwähnt wurde, Bischof Anselm ein ständiges Domkapitel gegründet hatte, waren Bischöfe und Dom­herren ihrer Aufgabe, die heidnischen Wenden zu bekehren, mit uner­