Heft 
(1897) 6
Seite
191
Einzelbild herunterladen

K. Altrichter, Die Glockeniuschriften von Sternebeck und Tempelhof. [91

zeigten jedoch auch mehr Fleiss und Strebsamkeit, indem sie, namentlich in der Nenmark, viele Städte, Dörfer, Kirchen und Kapellen entweder seihst anlegten oder zu ihrer Anlage behilflich waren. Indem sie sich auf diese Weise in hohem Grade nützlich und verdient für das Land machten, erlangten sie zu gleicher Zeit für sich selbst eine grosse An­zahl von Wohnplätzen und ausgedehnte Distrikte und noch heutigen Tages sind viele Spuren ihrer Tempelhöfe erkennbar, wie uns auch noch mancher Ort in seinem Namen seine Erbauer nennt.

Zu diesen Orten gehört auch Tempelhof bei Berlin.

Es mag zunächst dahingestellt bleiben, wann die Kirche und der Ort erbaut worden ist. Markgraf Waldemar hatte es nicht so eilig mit der Einziehung der Güter des Ordens, nachdem der Papst am 27. März IS 12 denselben aufgehoben hatte. In seinen vielfachen Kriegen war ihm die stets kampfbereite Ordensritterschaft ein viel zu kostbarer Schatz, als dass er sich desselben ohne Not hätte entschlagen sollen. Erst durch den Vergleich von Crennnen vom Sonntag vor Lichtmess. 1318 wurde die Angelegenheit geordnet und damit auch Tempelhof dem Johanniter-Orden zugewiesen. Es liegt nun wohl auf der Hand, dass die neuen Herren sich ihren Unterthanen verpflichten mochten und der Kirche des Ortes bald darnach eine neue Glocke verehrten. Im Jahre 1 KiO waren die ersten Tempelherren und Johanniter mit dem Mark­grafen Albrecht ins Land gekommen. Sie werden in den ersten Jahr­zehnten hinreichend mit kriegerischen Angelegenheiten zu thun gehabt haben, um an Werke des Friedens denken zu können. Es mag ihnen auch in Tempelhof anfangs eine Kapelle in ihrem festen Hause zu gottes­dienstlichen Verrichtungen genügt haben, sodass sehr wohl erst um 1270 herum die eigentliche Kirche von Tempelhof entstand, sodass man füglich die Glockenschenkung und damit die Entstehung der Inschrift um das Jahr 1320 setzen kann. Zu bemerken ist, dass Tempelhof etwas mehr wie 100 Jahre später 143ö von dem Johanniter-Orden an den Rat der Stadt Berlin abgetreten wurde.

Der eben erwähnten Zeitbestimmung hinsichtlich der Glocken­inschrift kommt folgende Erwägung zu Hilfe. In der St. Johanniskirche zu Thorn befindet sich ein massiver bronzener Taufbrunnen, dessen Inschrift überaus verwandte Schriftzeichen wie die Tempelhofer Glocken­inschrift enthält, ja dort erscheint die Zusammenziehung von Schrift­zeichen noch weit mehr ausgebildet als hier, so dass es mir ohne einen dort ziemlich deutlich angegebenen Schlüssel gar nicht möglich gewesen wäre, die Thorner Inschrift, welche eine lange lateinische Periode in Bezug auf die Taufe enthält, zu entziffern. Ich rechne, dass die Thorner Inschrift nur wenig älter als die von Tempelhof ist. Nun ist aber Thorn 1231 in dem altpreussischen Gau Kulm vom Landmeister Hermann Balk gegründet. Um 1271 wurde erst die Ringmauer vollendet. Da nun,