Heft 
(1897) 6
Seite
192
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192 K. Altrichter, Die Glockeninschriften von Sternebeck und Tempelhof.

namentlich hei der feindlichen Nachbarschaft der Polen, die Befestigung der Stadt die nächste Sorge gewesen sein wird, so kann man wohl mit einiger Sicherheit annehmen, dass zuunächst die Kapelle in der Ordens­burg dem religiösen Bedürfnis genügen musste und die Erbauung der kostbaren Johanniskirche erheblich später fiel. Dann aber wird ihre Ausschmückung, Altar, Taufbrunnen u. s. w. erst in die Zeit nach \ ol- lendung des Kirchenbaues zu legen sein, so dass man auch wieder unter Berücksichtigung der oft recht langen Bauzeit damaliger Zeit auf die Zeit gegen 1300 kommen könnte.

Hinsichtlich der Schriftzeichen in Thorn greife ich nur das E heraus, das nicht wie in Figur 45 der beiliegenden Tafel, sondern gerade umgekehrt, also wie ein D mit einem Querstrich dargestellt ist. Dieser Querstrich weist augenscheinlich auf eine erkennbar ältere Zeit als die der Glockeniuschrift von Tempelhof hin. Denn zweifellos steht fest ich erinnere hier an die Grabsteinumschriften in der Havelberger Domkirche dass die aus dem C entwickelte E-Form mit Querstrich und geradem Abschluss nach rechts einer uns näher liegenden Zeit angehört; die aus dem D entwickelte E-Form wie in Thorn daher, und weil sie in jüngerer Zeit nicht mehr vorkommt, einer älteren Periode angehören muss, sodass die gewinkelte Form ohne Querstrich sehr wohl als Ubergangsform gelten kann. Darauf weist auch die oben erwähnte Zusammenziehung der Schriftzeichen. In der Tempelhofer Inschrift besteht sie in einer Aufeinanderlegung derselben und nur in No. 0 ist eine kaum bemerk­bare Umkehrung angeordnet. In der Thorner Inschrift sind nicht nur Zeichen an einander angereiht, sondern nebenher noch in umgekehrter Ordnung zu lesen. Ich meine, dass das einfachere und klarer hervor­tretende immer einen Fortschritt, eine Entwickelung aus dem Unklaren darstellt. Diese Zeitfolge findet eine weitere Unterstützung in der Form des M. Aus dem r i, Figur 38 der beiliegenden Tafel, entwickelt, ist in Thorn ein M in der Weise hergestellt, dass entgegen der Sterne­becker Inschrift ein mittelster Strich nach unten geht, dass dann aber diese Figur aufgerichtet ist, sodass, indem der erste Strich etwas länger geriet, dies Zeichen wie ein verkehrt gestelltes F erscheint. Eben die­selbe M-Form kommt in der Glockeninschrift von Mühlenbeck vor, welche ebenso wie die von Sternebeck eine handschriftliche Leistung ist und deshalb zeitlich jedenfalls dieser näher als der von Tempelhof steht, mithin mit Recht gefolgert werden kann, dass die Zeitfolge, ob­gleich die Thorner Inschrift eine Schablonenschrift ist, diese ist: Mühlen­beck, Thorn, Sternebeck, Tempelhof. Es würde demnach die Mühlen­becker Glocke als eine der ältesten der Mark angenommen, die Zeit von 1250 bis 1320 oder etwas später herauskommen, sodass die Sterne­becker Glocke etwa gegen Ende des 13. Jahrhunderts oder mindestens im Laufe der 2. Hälfte desselben gegossen sein kann.