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K. Altrichter, Der Rosenthaler Gold- und Silberfund.
zu müssen, dass man in allererster Linie versuchen soll, ob sich nicht aus diesen rätselhaften Ornamenten einer der bereits bekannten Typen herauskonstruieren lässt. Erst wenn man sicli von der absoluten Unausführbarkeit dieses Versuches überzeugt hat, soll man es wagen, einen neuen, bisher unbekannten Typus darin erkennen zu wollen.
Wenn wir alles dieses im Auge behalten, dann wird es, wie ich glaube, auch ohne übermässige Schwierigkeit gelingen, die scheinbar ganz planlose Zeichnung des Goldbrakteaten von Rosenthal in das richtige Licht zu stellen. Für mich unterliegt es keinem Zweifel, dass er als ein Ausläufer der dritten der vorher erwähnten Hauptgruppen (Menschen zu Fuss) angesehen werden muss. Allerdings kann ich nicht leugnen, dass er innerhalb dieser Gruppe das roheste Stadium repräsentiert, welches mir bisher zu Gesicht gekommen ist. Ich halte das Gepräge für die Darstellung eines Mannes zu Fuss und zwar, wie ich gleich hinzusetzen möchte, eines knieenden Mannes, welcher von allerhand Beiwerk umgeben ist. Als Vorbild für den Rosenthaler Goldbrakteaten muss eine Darstellung gedient haben, ganz ähnlich derjenigen, wie wir sie auf einem in Schonen gefundenen Goldbrakteaten finden (Figur 7) welcher vor George Stephens und Worsaae abgebildet ist.*) Die Bildfläche wird zum grössten Teile von einem Manne eingenommen, welcher auf den Knieen liegt, jedoch so, dass sein rechtes Bein weiter vorgestreckt ist, als sein linkes. Die rechte Hand hat er zum Munde erhoben, der linke Oberarm ist nahezu horizontal nach hinten gestreckt, während der Vorderarm senkrecht nach unten gerichtet ist. Auf dem Kopfe hat der Mann einen absonderlichen kappenartigen Ilelm, welcher nach hinten in eine sich aufwärts krümmende Spitze ausläuft, die in einem Vogelkopfe endigt. Vor dem Gesicht des Mannes schwebt ein Vogel und am unteren Seitenrande der Bildfläche, ebenfalls vor dem Manne, erblickt man ein aufrecht auf dem Hinterteile sitzendes vierfüssiges Tier, höchst wahrscheinlich ein Pferd, dessen vier Beine gegen den knieenden Mann ausgestreckt-werden. Das übrige Beiwerk ist für uns ohne Interesse (?); es besteht aus" Runenzeichen, welche sich auf den einstigen Besitzer
auf ähnliche Erscheinungen, zunächst ein solches Bild an sich zu studieren und zu versuchen, festzustellen, oh überhaupt miteinander im Zusammenhang stehende Figuren, seien es solche von Menschen, Tieren oder anderen Gegenständen, dargestellt sind, oder oh man es mit einer Schrift zu thun hat, deren Zeichen einem gerade nicht gegenwärtig sind — ich denke dabei an alte arabische Münzen, deren Zeichen mit einiger Phantasie ebensoleicht in missgestaltete andere Figuren umgedeutet werden könnten — und dann im ersteren Falle, ob unter Berücksichtigung der ungefähren Zeit der Entstehung eine Kegel festzustellen ist, nach der die Figuren entwickelt sind. Von diesem Gesichtspunkte aus bin ich z. B. bei der Entzifferung rätselhafter Inschriften immer zu befriedigenden Ergebnissen gelangt. Der Verf.
*) Eine im wesentlichen ähnliche Abbildung findet sich S. 647 in Friedrich v. Hellwalds „Der vorgeschichtliche Mensch“, Auflage 1880 abgedruckt. Der Verf.