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14. (5. ordentl.) Versammlung des VI. Vereinsjahres.
haben wir das wirkliche und eigentliche Brot der Urzeit und unserer Vorfahren. An diese ursprünglichste Herstellung erinnert das heilige Gebäck der Israeliten, Mazze, Mazzeth, Mazzoth genannt, welches noch heut um Ostern zur Erinnerung an den Auszug aus Egypten (2. Mosis, 12, 15 flg.) verzehrt wird, flache scharf gebackene und leicht zerbröckelnde Weizenkuchen, kreisrund, fast papierdünn, ohne Krume, ungesäuert, d. h. ohne Gährungspilze (Sauerteig, liefe, Gest, Bärme) und zur Erinnerung an die einfachen Urzustände des auserwählten Volkes Gottes hergestellt. Wenn bei den strenggläubigen Israeliten Mazze gebacken werden soll, muss zuvor alles Gerät, welches mit gesäuertem Brot in Berührung kam, mit heissem Wasser ausgewaschen und dieses dadurch erhitzt werden, dass man glühende Steine in das betreffende Gefäss thut, eine Sitte, welche auf die altertümlichsten Urzustände des Volkes schliessen lässt.
In ähnlicher Weise werden noch jetzt Brotfladen bei vielen halbzivilisierten oder wilden Völkern hergestellt, wie wir das auf den ethnologischen Schaustellungen von solchen in Berlin, z. B. in der Kolonial- Ausstellung gelegentlich der hiesigen grossen Gewerbe - Ausstellung im Treptower Park 1896 öfters zu bemerken Gelegenheit gehabt haben.
Hie Herkunft unserer gewöhnlichen Brotfrüchte ist zum Teil noch völlig dunkel. Als auf Mosis Gebet (2. Mosis 9, 31) der Hagel die Fruchtfelder der Egypter verwüstete, heisst es: „Und der Flachs und die Gerste wurden geschlagen; denn die Gerste hatte Ähren und der Flachs Knoten gewonnen; -aber der Waizen und Spelt* ward nicht geschlagen, denn es war spät Getraide“. Zwei unserer häufigsten Brotgräser, Roggen und Hafer, vermögen bis jetzt ihren Stammbaum nicht auf den Ursitz zurückzuführen.
Die Herstellung des Brotes bei den afrikanischen Wilden schildert u. A. der Missionar Li vingstone in seinem Bericht über den Zambese und seine Zuflüsse anschaulich wie folgt:
„Die Mühle der Mangajas, Makalolos, Landinos und anderen Völkerschaften besteht aus einem Granit- oder Syenit - Block, mitunter Glimmerschiefer, 15 bis 18 Zoll lang bei 5 bis 6 Zoll Dicke und aus einem Stück Quarz oder einem ähnlich harten Gestein, von der Grösse eines halben Mauersteins. Die Oberfläche des Mahltrogs ist in dem nn-
*) Spelt, Spelz (Triticum Spelta L.), nicht „Koggen“, wie Luther irrig übersetzt, eine Komart, welche die alte Welt nicht kannte, war das gewöhnliche Brotkorn der Egypter. Die von Moses erwähnte Bemerkung trifft noch heut für Egypten zu, wo Flachs und Gerste im 6. Monat nach der Saat, im März, Weizen und Spelz dagegen im 7., dem April, reif werden. Somit fiel der Hagel im Februar. Im April habe ich die Weizenemte in Tunesien, im Mai auf Sizilien und bei Capua unweit Neapel gesehen. Vgl. über geröstetes Korn (Grünkom, Spelz) meine Angaben im Monatsheft III, S. 318 u. Paul Ascherson, IV, S. 40.